Presse – Bietigheimer Zeitung 4.7.2018 – In Bestzeit von Flensburg nach Garmisch

Der Tammer Jochen Böhringer hat beim Race Across Germany – ein Non-Stop-Ultracycling-Rennrad-Rennen von Flensburg nach Garmisch über 1100 Kilometer und etwa 7500 Höhenmeter – in der .Kategorie „non-supported“ (also ohne Unterstützung durch ein Begleitfahrzeug) den Sieg eingefahren.[…]

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24h MTB Rennen Schötz – hinten wird die Ente fett…

Rennbericht in aller Kürze: 540km (108 Runden), ~6.650Höhenmeter, heiß, heißer, am heißesten, super Orga, geniale Zuschauer, hilfsbereite Mitstreiter, Sieg bei den Solostartern, geiles Event, Prädikat empfehlenswert, gerne wieder 🙂

Eine Arbeitswoche ist vergangen. Der Familienurlaub hat gerade begonnen. Zeit das Erlebte zu (virtuellem) Papier zu bringen, bevor das hitzige Schweizer Wochenende der „24 Stunden von Schötz“ von neuen kühleren Eindrücken aus Schweden überlagert wird.

Vielen Dank an meine Unterstützer, deren Material mir 24h ohne einen einzigen Defekt die Treue gehalten hat: www.centurion.de, www.tune.de, www.spirgrips.com, www.bike-werf.de 

Und natürlich an meinen Schatz Sandra, die mir ein Urlaubswochenende ohne Family gegönnt hat.

Die Vorbereitung

Bereits einige Tage vor dem Rennen fängt es an. Verpflegung, Werkzeug, Ersatzteile, Zelt und Campingausstattung lege ich nach und nach bereit. Denn ab Donnerstag wird es langsam ernst. Am Abend nach der Arbeit hole ich den Mietwagen fürs Wochenende, damit Sandra und die Kids, trotz meinem Ausflug in die Schweiz, unser Auto benutzen können. Dann noch schnell das Back-up Bike für Notfälle bei Marcus von www.bike-werf.de abgeholt und alles im Auto verstaut. Am Freitagfrüh um kurz nach 6Uhr geht es vor der Arbeit noch für eine 45minütige Vorbelastung auf die Rolle, um den Körper für das kommende Rennen heiß zu machen. Der Kopf braucht keine Vorbelastung mehr – die Gedanken kreisen dank Packstress sowieso schon seit Tagen um das Event 😉

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Der Tag im Büro ist schnell Geschichte und am Nachmittag starte ich in die Schweiz. Der Plan ist einfach: bereits am Vortag anreisen, Zelt im Fahrerlager aufbauen und am Samstag ausgeschlafen und völlig entspannt am Start stehen. Als ich in Schötz ankomme, läuft alles noch nach Plan. Der Veranstalter hat alles perfekt vorbereitet. Die Plätze auf der Wiese im Fahrerlager sind bereits abgesteckt, man wird von freundlichen Helfern direkt eingewiesen, die Klohäuschen und die Stromverkabelung sind bereits aufgebaut und auch die Turnhalle mit den Duschen ist schon nutzbar. Auch der Zeltaufbau läuft reibungslos – auch wenn das heiße Wetter mich danach direkt zum ersten Test der Duschen animiert. Der Plan gerät nur leicht ins Stocken, als ich merke, dass das Fahrerlager direkt neben einer vielbefahrenen Straße liegt, und mein Zelt im Windstoß der LKWs und im Schein einer Straßenlaterne nicht die besten Voraussetzungen für eine erholsame Nacht bietet. Da ich alleine angereist bin, hilft jammern sowieso nicht – es hört ja niemand zu – und ich versuche mich auf meine Kernkompetenz – Schlafen – zu besinnen. Die ersten Sonnenstrahlen treiben mich dann wieder aus dem Zelt und ich nutze die gewonnene Zeit dazu, in aller Ruhe meine Centurion Rennfeile für die anstehenden Strapazen vorzubereiten.

 

Vor dem Start

Um die 24 Stunden später ohne geplante Pause bewältigen zu können, setze ich bereits ab dem Aufstehen ausschließlich auf Flüssignahrung. So besteht das Frühstück nur noch aus Ensure Plus. Auch das restliche Equipment (z.B. Beleuchtung für die Nacht, zweiter Helm mit montierter Stirnlampe, …) richte ich alles so parat, dass keine längeren Pausen notwendig sein sollten. Und das Rad bekommt auch noch etwas Zuwendung. Ich montiere einen frischen Hinterreifen, ein 34er Kettenblatt und meine neuen Spirgrips Innerbarends. Da ich kein Supportteam an der Strecke habe, habe ich von zu Hause auch fast meine gesamte Fahrradflaschensammlung mitgebracht und fülle 24 Radflaschen (für jede Stunde eine) mit Isogetränk. In jede Flasche kommt wegen der Hitze auch noch eine Schwedentablette, um den Salzverlust über den Schweiß besser auszugleichen. Dazu noch als Kalorienbombe ein Ensure jede Stunde und der Speiseplan für die kommenden 24 Stunden steht. Die ganze Ladung für echte Gourmets stelle ich in zwei Klappboxen direkt an die Strecke, um während dem Rennen zügig an Nachschub zu kommen.

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Reste nach Schlacht

Noch kurz die 5km Runde einmal abgefahren und ich mache mich – bereits schweißüberströmt – auf den Weg zum Startblock. Dort parke ich mein Bike in einer der vorderen Reihen und setze ich mich, bis kurz vor dem Start, unter einen Baum. Bei 35° im Schatten zwar auch keine echte Abkühlung, aber zumindest droht kein sofortiger Hitzekollaps 😉

Kurz vor dem Start wird noch der Vorjahressieger Kevin Tanner interviewt, der zur Titelverteidigung angereist ist. Da ich mir zumindest Chancen aufs Podest ausrechne, präge ich mir sein Outfit ein und nehme mir vor, mich an seiner Pace zu orientieren.

Startphase

Pünktlich um 14:00Uhr ertönt endlich der Startschuss und es geht los in die erste Runde. Wie zu erwarten geht es gleich richtig zur Sache, da neben den Solofahrern auch 2er, 4er, 6er und 8er Teams auf die Strecke gehen. Wie bei jedem Start ist das Fahrerfeld zu Beginn auch noch unheimlich nervös. Ein paar Mal kommt es auch bei mir zu Beinahezusammenstößen – aber mit etwas Glück und defensiver Fahrweise geht alles gut. Ich halte die Augen nach den direkten Kontrahenten aus der Soloklasse offen und sehe, dass hier auch voll auf die Tube gedrückt wird. Die ersten Kilometer bleibe ich noch in Sichtweite, aber die Wattwerte auf meinem Display sagen mir überdeutlich, dass das nicht die richtige Pace auf einer solch langen Distanz für mich ist. Die Beine sind noch frisch und gieren nach Speed, das Adrenalin pulsiert durch meine Adern und vernebelt das Gefühl fürs Laktat, der Instinkt schreit dranbleiben. Mein ganzer Körper bettelt darum in den Kampf zu ziehen. Aber ganz leise meldet sich auch die Stimme der Vernunft aus dem Präfrontalen Cortex… und mir fällt das Mantra wieder ein, das ich mir bereits für andere Langstrecken zurechtgelegt habe: Hinten wird die Ente fett.

Es ist zwar mein erstes 24 Stundenrennen, aber bei anderen Ultracyclingevents auf dem Rennrad und von Berichten anderer Starter weiß ich, dass das Rennen erst in der zweiten Hälfte „richtig“ beginnt und sich ein zu hohes Anfangstempo dann bitter rächen kann. Ein erbitterter Kampf Instinkt versus Ratio entbrennt irgendwo zwischen Helm und Hals, den die Vernunft knapp für sich entscheidet. Und so nehme ich schweren Herzens wieder etwas Druck vom Pedal. Doch die Verlockung ist groß. Immer wieder überholen mich schnellere Teamfahrer und ich muss gebetsmühlenartig mein Mantra wiederholen, um mich nicht voller Enthusiasmus in die schnellen Gruppen einzuklinken.

Der Streckensprecher gibt bei jeder Runde die aktuelle Platzierung durch und ich stelle wieder etwas beruhigt fest, dass Platz eins und zwei zwar enteilt sind, ich mich aber auf dem dritten Platz festgesetzt habe. Also alles noch im Lot und ich kann auch noch fröhlich für die Kamera von Werni Duss schauen.

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Foto: Werni Duss

Aber die Hitze setzt mir wirklich zu. Kein Appetit bzw. keine Lust zu trinken sind bei mir klare Zeichen für Erschöpfung. Doch diesem Impuls nachzugeben wäre bei den äußeren Bedingungen und der Streckenlänge tödlich. Deshalb zwinge ich mich die geplanten Mengen pünktlich in mich rein zu kippen. So schnell kann es vom Gourmetmodus zur Zwangsernährung umschlagen 😉 Da ich die Abstände zu meinen Kontrahenten nicht kenne, befürchte ich schon, dass mich die Spitze der Solofahrer bald überrundet.

Doch nach einiger Zeit kann ich an Punkten, an denen die Strecke sich kreuzt bzw. in einer Schleife verläuft, auch einen Blick auf den Erst- und Zweitplatzierten erhaschen. Die Gesichter sprechen eine deutliche Sprache. Auch den Eidgenossen scheint die Hitze zuzusetzen. Als ich nach knapp drei Stunden Renndauer erst Kevin Tanner und dann auch noch Florian Egger überholen kann, bin ich wie elektrisiert und muss mich abermals mit meinem Mantra daran erinnern, jetzt nicht übermütig zu werden.

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Foto: Werni Duss

Doch auf die Hochphase folgen wieder zähe Stunden in der Nachmittagshitze, die auch am frühen Abend nicht spürbar nachlässt. Die Strecke führt jede Runde an einem Bauernhof vorbei, an dem der Nachwuchs unermüdlich nasse Schwämme an die Fahrer verteilt – eine echte Wohltat! Die Schwämme nehme ich dankend an und benetze mir damit Arme, Nacken und Gesicht, aber mein Körper wird trotzdem gefühlt immer wärmer und am frühen Abend habe ich langsam Angst, dass das nicht mehr lange gut geht. Zudem trinke ich mehr als geplant und da alle Getränke bereits vorbereitet in der Box stehen, ist die Kohlenhydratzufuhr dadurch höher als mir guttut. Mein Magen fängt langsam an zu rebellieren und einmal ist es sogar soweit, dass ich nur durch tiefes Einatmen verhindern kann, dass sich die ganze Soße ihren Weg zurück durch den Hals bahnt. Um gegenzusteuern verlängere ich die Ensureintervalle und strecke eine Packung ab diesem Zeitpunkt auf 75-90min.

Außerdem investiere ich ein paar Minuten und springe kurzentschlossen in einen kleinen Bach, der parallel zur Rennstrecke verläuft. Eine echte Wohltat sich abzukühlen und auch den Staub der Strecke abzuwaschen, auch wenn ich die Böschung aus dem Bachbett zurück zur Strecke kaum wieder hochkomme 😉

Die Nacht

Bei Einbruch der Dämmerung muss ich einen kurzen Zwangsstopp an meinem Zelt einlegen, um die Lupine-Beleuchtung am Fahrrad zu montieren. Dabei bietet mir das benachbarte Team Ökofen Unterstützung mit gekühlten Getränken an, auf die ich nur zu gerne zurückkomme. Während der Nacht und auch am nächsten Tag setze ich alle paar Stunden eine Flasche Iso aus und stecke stattdessen eine gekühlte Cola in meinen Flaschenhalter. Danke Männer für euren spontanen Support – tiptop!

Mit der Dunkelheit wird es endlich auch kühler und ich kann die eingeschlagene Pace relativ problemlos halten. Dabei laufen die 5km Runden immer nach dem gleichen Schema ab. Das kurze flache Asphalt- und Schotterstück im Start-/Zielbereich wird für einen großen Schluck aus der Flasche genutzt.

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Foto: Werni Duss

Danach geht es in einen steil bergauf führenden Trail mit tückischer Spitzkehre, der mit nachlassender Konzentration immer mehr zur Herausforderung wird. Um nicht vom Rad zu kippen, muss ich hier jede Runde kurz an die anaerobe Schwelle. Lautsprecher in den Bäumen beschallen die Fahrer bei dieser Herausforderung mit rockigem Soundtrack und am Ende des Trails steht bis spät in die Nacht ein Spalier aus Zuschauern, die die Fahrer unermüdlich anfeuern und motivieren nicht nachzulassen – Danke! Schnell noch einen Schluck aus der Flasche, bevor es auf einer abgesteckten Links-/Rechts-/Links-Kombination eine steile und ruppige Wiesenabfahrt hinuntergeht. Jetzt folgt wieder ein kurzes flaches Asphaltstück, das ich alle paar Runden zum Verzehr eines Ensure oder alternativ nochmals zum Trinken nutze, bevor eine längere wellige Schleife aus grobem und feinem Schotter folgt, bei der Windschattenfahren ein echter Vorteil ist. Nach dem Wiesendownhill gilt es also immer abzuschätzen, ob gleich von hinten eine zügige Gruppe mit Teamfahrern kommt, oder es besser ist kurz Vollgas zu geben, um zu Fahrern vor mir aufzuschließen. Meistens gelingt mir eine der Varianten und ich muss die Schleife nur selten alleine fahren. Die Schicksalsgemeinschaft löst sich am Ende der Schleife, wenn die Teamfahrer den folgenden steilen Asphaltanstieg hochdrücken, während ich meine Kräfte einteilen und Geschwindigkeit rausnehmen muss. Zeitweise steht in diesem Abschnitt sogar ein Alphornbläser und sorgt für stimmungsvolle Beschallung in den Abend- und Morgenstunden – einfach top! Dann folgt etwas Schotter, bevor das Highlight der Runde ansteht. Auf einem schmalen Trail geht es mit zunehmender Geschwindigkeit wie auf einer Achterbahn durch drei Kompressionen. Wenn die Bahn frei ist, kann ich das Vergnügen fast ungebremst genießen. Hier ist es ein echter Vorteil, dass ich diese Schlüsselstelle bereits vor Einbruch der Dunkelheit zig Mal passiert habe, und der Verlauf quasi im Schlaf abgerufen werden kann. Der Trail spuckt mich auf einer unebenen Wiese wieder aus und ich wünsche mir jede Runde, dass ich statt einem Hardtail ein Fully unter dem Hintern hätte. So muss ich fast die gesamte folgende Wiesensektion inklusive schnellem Downhill im Stehen fahren, um keinem Bandscheibenvorfall zum Opfer zu fallen. Nach einer kurzen Schikane geht es auch schon wieder in den Start-/Zielbereich und der Spaß beginnt von Neuem.

So geht es Runde um Runde, bis die Sonne wieder aufgeht und die Temperaturen wieder steigen.

Schlussphase

Im Lauf der Nacht ist es mir gelungen, meinen Vorsprung auf den Zweitplatzierten auf 4 Runden zu erhöhen und das beruhigende Gefühl stellt sich ein, dass dieser Puffer selbst für einen Defekt am Material ausreichen sollte. Aber die letzten Stunden sind trotzdem nochmals richtig zäh und mein Mantra bewahrheitet sich…hinten wird die Ente fett. Ich hangle mich mental von Zeitmarke zu Zeitmarke. Dreiviertel geschafft, Fünfsechstel geschafft, Siebenachtel geschafft, …, an Zeit zum Bruchrechnen mangelt es nicht auf der Strecke 😉 Die Belastungsdauer fordert langsam ihren Tribut. Sitzen auf dem Sattel geht noch gut. Der Tune „Komm-Vor“ macht seinem Namen alle Ehre. Aber die ruppigen Wiesenabfahrten mit den immer größer werdenden Bremswellen, werden für die Hände zunehmend zur Qual. Das größte Problem wird völlig unerwartet aber der Daumen der rechten Hand. So sehr ich das knackige Schaltverhalten meiner SRAM Eagle auch schätze, so sehr scheint es meinem Daumen zuzusetzen. Auf den letzten Runden gelingt es mir kaum noch aus den schweren wieder in die leichten Gänge zu wechseln. Bisher waren elektrische Schaltungen für mich mehr Spielerei als echter Mehrwert, aber auf der Langstrecke könnten die niedrigen Bedienkräfte ein entscheidendes Argument für den elektronenunterstützen Gangwechsel sein. Auch wenn ein Investitionsantrag dafür wohl wenig Erfolgschancen bei meiner Finanzministerin zu Hause hätte 😉

Vielleicht sollte ich aber auch einfach die ein oder andere Trainingseinheit auf der Rolle durch Fahrten im Gelände substituieren. Das würde zum einen die Hände an das Gerüttel gewöhnen, zum anderen aber auch den Daumen ans Schalten – eine Kompetenz, die auf dem Smart Trainer im Erg-Mode abhanden kommt. Da die Temperaturen wieder unerbittlich die 30°-Marke überschreiten, nehme ich nochmals ein kurzes Bad im Bach zur Abkühlung und fange an die noch zu fahrenden Runden rückwärts zu zählen.

In der letzten Runde wartet auf mich noch ein besonderes Highlight. Die schnellsten Fahrer jeder Kategorie werden durch ein Führungsmotorrad begleitet. Und so darf ich die letzte Runde als Führender der Solokategorie mit „Begleitschutz“ absolvieren. Ein super Feeling. Die Zuschauer geben nochmal alles und jubeln den Fahrern auf der letzten Runde zu – Gänsehautstimmung pur! Bei der Zieleinfahrt realisiere ich, dass es vollbracht ist. Der Streckensprecher begrüßt mich im Ziel mit einer Ansage und ich bin überglücklich. Die Anstrengungen der letzten 24 Stunden sind auf einmal wie weggeblasen und mein Körper feiert den Sieg mit dem Feinsten was die körpereigene Drogenküche an Endorphinen und Dopamin hergibt 🙂

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Foto: Yvonne Najer

Ich bin überwältigt von den vielen Teilnehmern und Zuschauern, die mir gratulieren. Die Schötzer wissen einfach, wie man im Ziel richtig gute Stimmung macht! Nach einer kurzen Dusche geht es auch gleich weiter zur Siegerehrung und auch die Energiespeicher müssen im Festzelt natürlich wieder nachgeladen werden.

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Von links nach rechts: Kevin Tanner, Jochen Böhringer, Florian Egger

Nachdem der Trubel nachlässt merke ich langsam, dass eine Nacht ohne Schlaf und 24 Stunden dauerstrampeln ihre Spuren hinterlassen und tiefe Müdigkeit macht sich breit. Der Organisator lässt mich dankenswerterweise noch eine weitere Nacht mit meinem Zelt auf der Veranstaltungswiese kampieren, so dass ich am kommenden Morgen ausgeschlafen den Heimweg antreten kann.

Rückblickend nochmal vielen herzlichen Dank an die ganzen Helferinnen und Helfer, die solch eine Veranstaltung erst möglich machen. Es war ein super Event, mit top Stimmung, anspruchsvoller Strecke, genialen Zuschauern und – wenn ich den Sound aus dem Festzelt bis in die frühen Morgenstunden richtig interpretiert habe – einer legendären Party für all jene, die nicht auf dem Rad sitzen durften. Ich komme gerne wieder!

 

P.S.: für die Statistiker unter euch:

184 Watt Normalized Power (entspricht 2,97W/kg) und 13.500kCal sind es über die 24h gewesen:

https://www.strava.com/activities/1752017512

https://connect.garmin.com/modern/activity/2908418849

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Quelle: Strava

Salzkammergut Trophy 2018 – ein langer Tag im Sattel

Die Heimreise am Sonntag ist geschafft und der erste Tag der körperlichen Regeneration im Büro ist auch Geschichte. Zeit für einen Rennbericht zu meiner ersten Teilnahme bei der Salzkammergut Trophy. Schon seit Jahren stand dieses Event auf meiner Wunschliste. Wirbt der Veranstalter doch damit, dass er mit der 210,2km langen und 7.119 Höhenmetern zählenden Strecke, Europas härtesten MTB Marathon im Programm hat. Wer kann da schon widerstehen. Und dieses Jahr sollte es endlich auch für mich soweit sein. Und so nahm ich die Salzkammergut Trophy (SKGT) bereits zu Jahresbeginn in meine Saisonplanung mit auf. Ich hatte schon viel von diesem Event gehört. Zum einen von der tollen Landschaft, zum anderen von der anspruchsvollen Strecke und top Organisation.

Einziges Handycap wurde meine kurzfristige Teilnahme beim Race Across Germany (RAG). Nur knapp zwei Wochen Rennpause zwischen RAG und SKGT waren riskant und ein kurzfristiges Absagen der SKGT nicht unwahrscheinlich. Riskant deshalb, da sich die vollständige körperliche Regeneration nach einer Ultracycling Belastung wie dem RAG durchaus über mehrere Wochen hinziehen kann. Auf jeden Fall war es eine gute Motivation, um nach dem RAG möglichst schnell wieder in den Sattel zu kommen 😉

Und das Gefühl auf dem Rad war eigentlich wieder ganz gut. Einziges Manko war mein linkes Knie, das mir den RAG-Dauereinsatz noch nicht ganz verziehen hatte und noch etwas Voltaren-Zuwendung forderte. Aber auch das war nach zwei Wochen schon fast wieder komplett in Ordnung.

Und so bin ich am Freitag gemeinsam mit Joachim Oberföll nach Bad Goisern (Österreich) aufgebrochen, um mich der nächsten Herausforderung zu stellen. Untergekommen waren wir nur 300 Meter entfernt vom Start in einer „8er WG“ mit 6 weiteren Teilnehmern, die uns und unsere Bikes dankenswerterweise kurzfristig aufgenommen haben. Danke an dieser Stelle nochmal an Lukas Kaufmann (http://kaufmannlukas94.blogspot.com/) für das Asyl.

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8er WG mit zwei 4er Zimmern als perfekte Voraussetzung für erholsamen Schlaf 😉

Der Freitagnachmittag war mit Anmeldeunterlagen holen, Fahrrad und Ausrüstung richten und einem letzten Pasta-Carboloading auch schnell vorbei und jeder hat versucht noch eine Mütze Schlaf zu bekommen, bevor morgens um 03:00Uhr die Wecker klingelten und um 05:00Uhr im Morgengrauen der Startschuss für die Langdistanz fiel.

Endlich geht es los und das Zittern im Startblock hat ein Ende. Da es mit ca. 10° noch sehr kalt ist, bin ich heilfroh, dass es nach ein paar flachen Metern gleich zum Aufwärmen in den ersten langen Anstieg geht.

Ich reihe mich irgendwo bei den ersten 70-100 Teilnehmern in den Bandwurm ein, der sich Biker an Biker den Berg hinaufschiebt. Meine Beine fühlen sich gut an und ich achte streng auf meinen Powermeter, um nicht gleich am ersten Anstieg wichtige Körner für den restlichen Tag zu verschießen.

Die Sonne geht langsam auf und verschafft uns traumhafte Aussichten auf die umliegenden Gipfel.

Und schon kommt das erste Highlight der Strecke: die Ewige Wand mit ihrem sagenhaften Panorama, das man nur durch Drahtseile vom tiefen Abgrund getrennt, genießen kann.

Die nächsten Stunden laufen ziemlich unspektakulär. Ich nehme regelmäßig an den Verpflegungsstellen frische Isoflaschen, genieße die technisch anspruchsvollen Downhillpassagen, ernähre mich von den Gels, die ich im Trikot selbst mitgebracht habe, und achte darauf nicht zu überziehen – der Tag ist ja noch lang. Um mich herum habe ich immer Gesellschaft anderer Fahrer der A-Distanz und es kommt sogar der ein oder andere kurze Plausch zustande.

Als wir nach einer längeren Runde das zweite Mal an die Ewige Wand kommen, stoßen schnelle Fahrer der B-Distanz zu uns, die später gestartet sind, und diesen Teil der Strecke nur einmal fahren. Ich meine mich zu erinnern, dass nach der nächsten langen Abfahrt eine lange flache Überführungspassage mit ca. 20km rund um den See ansteht. Deshalb hefte ich mich in der Abfahrt an die schnellen B-Fahrer, um auf der kommenden Flachpassage von ihrem Windschatten zu profitieren. In der technischen Abfahrt muss ich hierzu alles geben, da die Jungs auf Fullys und ich nur mit Hardtail unterwegs bin.

Voll am Anschlag geht es die ersten flachen Meter nach Bad Goisern zurück, bevor die Umrundung des Sees ansteht. Ich bin euphorisch, dass ich eine top Gruppe mit B-Fahrern erwischt habe. Was ein Schreck, als sich die Strecke ein paar Meter später aufteilt. Die B-Fahrer dürfen direkt an den See und die A-Fahrer dürfen noch einen „kleinen“ Schlenker mit etlichen hundert Höhenmetern einschieben. Ich bin allein auf weiter Flur – die B-Fahrer alle abgebogen und die ähnlich starken Fahrer der A-Distanz Minuten hinter mir. Ich nehme etwas Druck raus und hoffe, dass meine vorherige Gruppe der A-Fahrer schnell zu mir aufschließt. Als ich selbst am nächsten längeren Schotteranstieg hinter mir niemanden sehe, finde ich mich damit ab längere Zeit alleine unterwegs zu sein, und gebe wieder Schub.

Um den See herum muss ich als Konsequenz daraus leider komplett alleine im Wind fahren. Es sind zwar auch wieder viele B-Fahrer auf der Strecke. Aber die schnellen sind alle schon enteilt und es findet sich leider keine Gruppe, die annähernd ein passendes Tempo für mich fährt. Am See habe ich auch das erste Mal mit meiner Verpflegung zu kämpfen. Meine Trinkflaschen sind beide leer und die nächste Verpflegung ist erst am Ende des Sees in Aussicht. Auf die nächste Gruppe B-Fahrer, die ich überhole, lasse ich einen Hilfeschrei nach Wasser los. Und tatsächlich…eine Fahrerin erbarmt sich meiner und gibt mir ein paar Schlucke aus ihrer Flasche ab. Das gleiche Spiel wiederholt sich noch ein weiteres Mal erfolgreich während der langen Flachpassage. Ich bedanke mich beide Male überglücklich, bin beeindruckt von der Hilfsbereitschaft und flitze weiter.

So langsam gehen auch die Gels in meiner Trikottasche zur Neige, so dass ich bei der nächsten Verpflegungsstation neben einer vollen Isoflasche auch Ausschau nach Gels halte. Die Verpflegungsstationen sind wirklich reichhaltig bestückt und es gibt alles, was das Tourenfahrerherz begehrt (Kuchen, Obst, Käse, Wurst, …). Ich überlege kurz statt Gel auf ein deftiges Vesper umzusteigen. In diesem Moment sagt der Moderator aber meine aktuelle Platzierung durch und ich bin wie elektrisiert. Platz 26 hätte ich bei diesem starken Fahrerfeld nie für möglich gehalten. Jegliche Überlegungen zu längeren Pausen an den Verpflegungsstationen schiebe ich beiseite und ich bin vom Gedanken besessen die Platzierung ins Ziel zu retten, schnappe mir nur schnell eine Banane für die Trikottasche und hoffe auf Gels an den noch folgenden Verpflegungsstellen. Um es vorwegzunehmen: meine Hoffnung wird enttäuscht. Ich bleibe die restliche Fahrt bei Bananen und so viel Kuchen, wie man beim Aufnehmen einer neuen Isoflasche mit der Hand in einem Rutsch in den Mund stopfen kann 😉

Ein paar Kilometer nach der Verpflegung beginnt der berühmt berüchtigte Anstieg zum Salzberg. In steilen Serpentinen geht es Meter um Meter im Pulk der B-Fahrer bergauf und der Schweiß fließt mir in der Mittagshitze von bis zu 33° in Strömen über den ganzen Körper.

Nach den Serpentinen keimt kurz die Hoffnung in mir auf das schlimmste geschafft zu haben. Doch in der Mittagssonne tauchen direkt vor mir die wirklich steilen Rampen des Tages auf, die sich den Fahrern mit bis zu 20-30% Steigung in den Weg stellen. Ich habe zwar extra ein 32er Kettenblatt für meine SRAM Eagle montiert, aber an der steilsten Stelle muss ich bei Trittfrequenzen unter 40 Umdrehungen pro Minute trotzdem einsehen, dass Schieben schneller und kraftsparender geht als Fahren, und steige demütig vom Rad.

Die nächsten zwei Schotteranstiege danach werden nochmals richtig hart. Ich bin schon seit über 8 Stunden unterwegs und die vielen Höhenmeter fordern ihren Tribut. Beim Blick auf die Wattzahlen sehe ich, dass ich nur noch im unteren G2-Bereich unterwegs bin und rechne jederzeit damit, dass mich reihenweise andere Fahrer wieder überholen. Doch scheinbar geht es den anderen jetzt auch nicht mehr besser als mir. Ich werde zwar die letzten 2-3 Stunden noch von zwei Fahrern überholt, kann aber meinerseits auch noch ein paar Plätze gut machen und schiebe mich somit vom 26. auf den 22. Platz vor.

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Platzierung und Zwischenzeiten – ich kann mich kontinuierlich nach vorne arbeiten

Besonders freut es mich als Stefan Schubert, ein direkter Konkurrent auf der A-Strecke, meine verzweifelte Suche nach Gels an einer der letzten Verpflegungsstellen mitbekommt und mir daraufhin ein Gel aus seinem persönlichen Vorrat schenkt. Ganz große sportliche Geste Stefan. Vielen Dank nochmal dafür!!

Die letzte knappe Stunde geht es dann von kleineren Anstiegen ausgenommen fast nur noch bergab oder eben bis ins Ziel. Das Ziel vor Augen kann ich meinem Körper zumindest noch die Durchschnittsleistung der letzten Stunden weiter abwringen und komme nach 11 Stunden und 17 Minuten völlig erschöpft, aber überglücklich über den tollen Rennverlauf im Ziel an.

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Zieleinlauf

Von Platz 22 gesamt und elftem Platz in meiner Altersklasse (Ü30) hätte ich bei den über 700 internationalen Teilnehmern auf der Langstrecke niemals zu träumen gewagt. Im Ziel genieße ich die reichhaltige Zielverpflegung und nutze endlich auch das Angebot an Wurst und Käse, das ich an den Verpflegungsstationen aus Zeitmangel und im Hinblick auf eine möglichst gute Platzierung ausgeschlagen hatte (aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben) 😉

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Finisherfoto

Mein Centurion Backfire Carbon Team hat mich wieder einmal nicht enttäuscht. Kein einziger Defekt am Rad auf der langen und anspruchsvollen Strecke. Und auch Tune hat wieder einmal bewiesen, dass leicht nicht unbequem sein muss. Auf dem Tune Carbon Sattel „Komm Vor“ hätte ich auch noch einige Kilometer länger ausgehalten 🙂

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Racefeile – ohne einen einzigen Defekt, aber von den Strapazen gezeichnet

Den Abend lasse ich gemeinsam mit Jo bei einem leckeren Steak, jeder Menge Eis und einer Massage ausklingen, bevor wir am Sonntagmorgen wieder den Weg nach Hause antreten.

Einen riesen Dank auch noch an meinen Schatz Sandra, dass sie so kurz nach dem RAG nochmal beide Augen zugedrückt hat, und mich schon wieder ein Wochenende hat ziehen lassen!

Jetzt ist erst einmal drei Wochen auf sportlicher Ebene Regeneration und Training angesagt, bevor mit den 24h von Schötz das letzte große Saisonhighlight auf mich wartet.

 

 

 

 

 

Race Across Germany 2018 – Wenn’s läuft dann läuft’s

Es ist schon wieder eine Woche her, aber die Erinnerungen sind noch frisch und so präsent, dass ich zumindest Ausschnitte meiner Reise – von Flensburg nach Garmisch – in diesem Rennbericht niederschreiben möchte. Die Zahlen zum Race Across Germany (RAG – www.raceacrossgermany.de) lesen sich wie jedes Jahr: 1.100km und ca. 7.500hm Non-Stopp Ultracycling. Doch für mich war es dieses Jahr ein komplett neues Event. Während ich letztes Jahr mit Begleitfahrzeug und Supportteam am Start war, habe ich mich dieses Jahr als Solofahrer „non supported“ an die Startlinie gestellt.

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Den Unterschied merkt man sofort, wenn man sich mit seinem Fahrrad in Bewegung setzt. Zwei volle 1-Liter Flaschen im Rahmendreieck, eine 0,6-Liter Flasche in der Trikottasche, eine vollgestopfte Bikepackingtasche unter dem Sattel, eine Tasche für Powerbanks zwischen den Aerobars und ein vollständiges Beleuchtungsset mit Akkus für zwei Nächte, lassen das Rad nicht nur im Wiegetritt gut schwingen, sondern zeigen einem auch bei jedem Antritt und jeder Steigung, dass man nicht alleine auf dem Rad unterwegs ist.

Fahrfertig hat mein Rad einschließlich Gepäck, Verpflegung und Werkzeug ca. 18kg auf die Waage gebracht. Ein Glück ist zumindest ein Teil davon, während der Fahrt, meinem fortwährenden Energiebedarf zum Opfer gefallen 🙂

Die erste Phase

Da Windschattenfahren verboten ist, gehen alle Fahrer und Teams im 2-Minuten-Takt an den Start. Durch meine kurzfristige Planänderung vom RATA (Race Across the Alps) zum RAG hatte ich mich knapp zwei Wochen vor dem Event wohl als letzter angemeldet und „durfte“ somit als Schlusslicht der Solofahrer um 08:30Uhr auf die Strecke. Hinter mir folgten nur noch die drei Viererteams.

Meine Motivation ist dank bester Wetteraussichten gut, und bereits beim Start ist es so warm, dass ich kurz/kurz, nur ergänzt um Armlinge, in die Morgensonne starte. Der Wind zeigt in die richtige Richtung und die flache Strecke raus aus Flensburg regt zum Tempo machen an. Ich muss mich sehr zurück halten und den Powermeter ständig im Blick behalten, um nicht viel zu schnell loszuballern. Das gelingt mir zumindest teilweise. Vor allem als das schnellste Viererteam zu mir aufschließt ist die Versuchung sehr groß ihr Tempo mitzugehen. Immer wieder muss ich mir ins Gedächtnis rufen, dass man das Rennen am ersten Tag nicht gewinnen, aber sehr wohl verlieren kann, wenn man überzieht.

Durch die perfekten Bedingungen gleitet das vordere Drittel des Feldes die ersten 200km in einem 36er Schnitt dahin und es macht so richtig Spaß.

Kein Vergleich zum Vorjahr, in dem Dauerregen die Stimmung deutlich getrübt hat. Die generell günstigen Windverhältnisse kann man auch im Nachgang auf der MyWindSock Auswertung gut sehen:

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MyWindSock Auswertung der Windverhältnisse während des Rennens

Wie man schön sieht, führt der überwiegend von Osten kommende Wind überwiegend zu Seitenwind und auch zu etwas Rückenwind. Falls der Wind von vorne kommt, dann meistens schräg und selten frontal.

Ich kann mich schon innerhalb der ersten Stunde an den anderen „non supported“ Fahrern vorbeischieben und bei den Solofahrern mit Team am frühen Nachmittag irgendwo zwischen Platz 5 und 7 einreihen. Das schnellste Viererteam treffe ich auch von Zeit zu Zeit wieder, da sie zumindest zu Beginn noch Probleme mit der Navigation haben.

Die Verpflegung

Die ersten zwei bis drei Stunden bin ich vom Gewicht der Ladung abgesehen zumindest bzgl. Verpflegung den „supported“ Fahrern gleichgestellt. Ich habe in meiner Flasche im Trikot 3 Packungen Ensure dabei und trinke dazu fleißig Iso aus den vorbereiteten Flaschen am Rahmen. Doch bei den steigenden Temperaturen geht mein Vorrat zusehends zu neige und ich fange an, mich nach Wasserquellen (Tankstellen, Bäckereien, Friedhöfen, Supermärkten, Dönerbuden) am Wegesrand umzusehen. Als mir Marisa Lorenz aus dem Begleitfahrzeug von Sport Floh Wasser anbietet, traue ich mich zuerst nicht, dieses anzunehmen. Schließlich möchte ich meinen „non supported“ Status nicht gefährden und mich regelkonform verhalten. Doch die Verlockung ist groß und so rufe ich kurzerhand die Rennleitung an, um die Situation für das restliche Rennen zu klären. Die Antwort kommt prompt: Wasser annehmen ist okay. Und so lasse ich dankend die ein oder andere Flasche mit frischem Wasser während der Fahrt füllen. Anhalten lässt sich natürlich trotzdem nicht vermeiden, da ich das Wasser wieder mit Isopulver versetzen muss, das ich für ca. 30 Flaschenfüllungen dabei habe. Das funktioniert natürlich nur, solange ich zufällig in der Nähe eines anderen Fahrers bin. Aber zumindest im ersten Renndrittel bietet sich immer wieder die Chance.

Hier sei generell gesagt, dass der Zusammenhalt bzw. die gegenseitige Unterstützung der Teilnehmer und ihrer Teams super sind. Bei solch einer langen Fahrt werden Konkurrenten zu Leidensgenossen, die sich gemeinsam dem Kampf gegen die Strecke stellen. So werde ich immer wieder von anderen Teams angefeuert und bei Überholvorgängen werden anerkennende Worte ausgetauscht. Der Respekt der Starter untereinander ist allgegenwärtig, da jeder weiß, dass bereits die Anmeldung zu solch einem Event ein nicht unerhebliches Maß an Courage und Training voraussetzt.

Zurück zur Verpflegung: Um wenig Risiko mit der Verdauung einzugehen setze ich voll auf gewohnte Kost und kaufe unterwegs nur relativ wenig nach. Deshalb habe ich beim Start neben den drei Ensure und meinen 30 Dosen Isopulver noch 2 Powerbars und 30 Powergels im Gepäck. Das macht alleine für die Gels schon ~1,3kg 🙂 Nachdem die Ensure nach drei Stunden aufgebraucht sind nehme ich ca. alle 1,5h ein Gel, da meine Planung von einer 48h Zielzeit ausgeht. Als ich im weiteren Rennverlauf merke, dass ich schneller unterwegs bin als geplant, erhöhe ich die Frequenz auf ein Gel je Stunde.

Die einzige Ausnahme bilden:

  • bei ca. Kilometer 250 ein Muffin von einem Kiosk
  • bei Kilometer 465 an der zweiten Timestation zwei eingeschweißte Kuchenstücke und eine Banane, die ich einpacke
  • und eineinhalb Brötchen und ein Landjäger beim Frühstück nach der ersten Nacht

Bzgl. Getränken bleibe ich eisern bei meiner Isomischung mit stillem Wasser und lockere diese nur dreimal mit Cola von der Tankstelle auf. In Summe nehme ich so ca. 11.000 Kilokalorien während dem kompletten Event zu mir. Das deckt ca. die Hälfte meines Bedarfs. Die zweite Hälfte muss mein Körper notgedrungen mit Fett und sicher/leider auch der ein oder anderen verstoffwechselten Muskelzelle beisteuern. Der Heißhunger an den Tagen nach der Veranstaltung sprechen eine deutliche Sprache 😉

Die mittlere Rennphase

Nachdem die ersten 250km noch relativ abwechslungsreich sind, da ich regelmäßig andere Teams treffe, wird es nach der ersten Timestation zunehmends ruhig um mich. Kurz bin ich auf Gesamtplatz 3 der Solofahrer, aber bei einem Verpflegungsstopp und der obligatorischen Durchgabe meiner Zwischenzeit an der Timestation per SMS, werde ich von Norbert Vohn und Florian Schütte wieder eingesammelt und falle auf Platz 5 zurück. In der Kategorie der „non supported“ Fahrer habe ich zu diesem Zeitpunkt bereits einiges an Vorsprung, so dass ich mich hauptsächlich an den Solofahrern mit Begleitfahrzeug orientiere.

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Fotografin Maresa Lorenz (Team Sport Floh)

Nach einiger Zeit überhole ich Florian vom Team Sport Floh und muss leider von seinem Begleitfahrzeug erfahren, dass es ihm nicht gut geht, und er sich leider auch schon übergeben musste. Bei den dauerhaft hohen Temperaturen natürlich umso schlimmer, da der Körper dadurch noch weiter dehydriert. Ich wünsche ihnen eine schnelle Besserung und drücke weiter auf die Tube. So geht es ohne größere weitere Kontakte zu anderen Teams in den Abend. Als es dunkel wird, ziehe ich meine Reflektorgurte über und schalte das Licht zu. Da ich hierzu am Rad nichts umbauen muss, kann ich mich dabei erneut auf Platz 3 vorschieben.

Kurz nach halb 11 erreiche ich die zweite Timestation bei Kilometer 465 in Bilderlahe – einem kleinen Ort in the middle of nowhere. Dort hat Dieter Göpfert (der Rennleiter) angekündigt, dass er für die „non supported“ Fahrer etwas Proviant und Wasser an einer Bushaltestelle deponieren wird.

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Dieter Göpfert – seit 19 Jahren Rennleiter und Organisator des Race Across Germany

Als ich ankomme, sind er und sein zweiköpfiges Organisationsteam noch vor Ort. Und die Stimmung ist super. Nicht unwesentlich trägt dazu auch eine kleine Gruppe Einheimischer bei, die in Feierlaune, mit dem ein oder anderen Bier im Gepäck, zusammen mit der Rennleitung Stimmung an der Bushaltestelle machen.

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Partypeople an der Timestation 2 in Bilderlahe – einzige offizielle Verpflegungsstation

Vor lauter flotten Sprüchen vergesse ich fast, mir noch etwas aus der Verpflegungsbox einzustecken. Frisch gestärkt und mit vollem Wasservorrat geht es nach kurzem Stopp weiter und der anspruchsvollere Teil der Strecke beginnt.

Kasseler Berge

Diesen Teil könnte man sicher auch mit „auf und nieder – immer wieder“ überschreiben. Die Kasseler Berge werden auf kleinen Sträßchen in einem ständigen auf und ab bezwungen. Ich bin heilfroh, dass ich in Vorbereitung auf das RATA eine Bergübersetzung auf mein Rennrad montiert habe. So sind die Steigungen trotz schwerem Gepäck noch mit erträglichen Trittfrequenzen zu bewältigen. Der Rennverlauf wird auch wieder etwas abwechslungsreicher, da mich von hinten Norbert Vohn überholt und auch das zweitschnellste Viererteam immer wieder aufschließt. Besonderes Glück habe ich auch mit einem Anwohner, der gerade von der Nachtschicht nach Hause kommt, und den ich kurzerhand zum Auffüllen meiner leeren Wasserflaschen verpflichten kann.

So geht es durch die Nacht. Die Zeit vertreibe ich mir auch mit dem ein oder anderen Telefonat, wobei sich die Nachtschwärmer bis kurz vor 1Uhr nachts und die Frühaufsteher ab 5Uhr morgens quasi die Klinke in die Hand geben. Diese Möglichkeit zur Abwechslung während dem gesamten Rennen bezahle ich ganz bewusst mit dem Mehrgewicht durch eine weitere Powerbank und das Spezialheadset am Helm. Die Motivation, die ich aus den Gesprächen mit Freunden und auch den Kommentaren auf Facebook oder über Whatsapp schöpfe, ist nicht zu unterschätzen, und hilft mir sehr der langen Zeit auf dem Fahrrad mit einer positiven Grundstimmung zu begegnen.

Morgenstund hat Gold im Mund

Am frühen Morgen lege ich noch einen Stopp beim Bäcker ein und setze mich für ein Brötchen kurz hin. Kurz davor lasse ich auch das zweitschnellste Viererteam ziehen. Da der Bäcker aber keine Kundentoilette hat, zieht es mich schnell weiter und in der nächsten größeren Stadt steuere ich eine Tankstelle an, um mich fit für den zweiten Tag zu machen.

Neben der Auffüllung meiner Wasservorräte lege ich dort auch eine neue Schicht Sonnencreme, Kettenöl und Gesäßcreme auf und gönne mir einen Landjäger. Das einzig herzhafte das ich sonst während der Fahrt bekomme, sind regelmäßig Salztabletten, um den Verlust über den Schweiß einigermaßen auszugleichen.

Danach bin ich allein auf weiter Flur. Immer wieder versuche ich zu den vor mir fahrenden Solofahrern aufzuschließen. Aber sobald ich einige Kilometer nähergekommen bin, muss ich wieder irgendwo anhalten, um meinen kontinuierlichen Wasserbedarf zu stillen. Vor allem die dauerhafte Sonneneinstrahlung, die die Temperaturen im Verlauf des Tages auf bis zu 35 Grad ansteigen lässt, macht mir zunehmend zu schaffen. Über weite Teile der Strecke am zweiten Tag gibt es keinerlei Schatten, und die wenigen Wölkchen am Himmel verirren sich viel zu selten vor die Sonne.

So halte ich nicht nur zum Auffüllen der Wasserflaschen, sondern lege auch kurze Stopps an Ortsbrunnen oder Friedhöfen ein, um meinen Kopf und das Trikot nass zu machen und so für zusätzliche Kühlung zu sorgen. Die dritte Trinkflasche opfere ich auch zur Kühlung und benetze mit ihrem Inhalt regelmäßig Nacken und Oberkörper während der Fahrt. So muss ich zwar öfter Anhalten zum Nachtanken, aber ich erleide keinen Hitzeschlag.

Am Nachmittag besucht mich dann noch der Defektteufel und auf freiem Feld – natürlich wieder ohne Schatten in der Nähe – gibt mein vorderer Schlauch den Geist auf und es bleibt mir nichts anderes übrig, als bei einem Stopp in der prallen Sonne, den Schlauch zu wechseln.

Letztes Renndrittel

Auf den letzten 200 Kilometern der Strecke zieht der Kurs nochmals deutlich an. Es wird wieder richtig bergig und die Abenddämmerung mit ihren kühleren Temperaturen lässt viel zu lange auf sich warten. Eigentlich ist jetzt Zeit für den Endspurt, aber die Hitze hat mir den Zahn gezogen. Ich kann zwar weiterhin Zug auf der Kette halten, aber eine Steigerung ist momentan nicht mehr drin. Das merke ich vor allem daran, dass das dritte Viererteam im Tractalis Livetracking immer weiter zu mir aufschließt. Zwischendurch überlege ich sogar, mich gemütlich in ein Eiscafé zu setzen, und den Einbruch der Dämmerung mit einem guten Eisbecher und hochgelegten Beinen abzuwarten, bevor ich weiterfahre. Vor allem da der Abstand zum nächsten „non supported“ Fahrer in der Zwischenzeit auf komfortable 180km angewachsen ist. Doch dann fällt mir ein, dass es neben dem Sieg in der „non supported“ Klasse auch noch eine weitere attraktive Trophäe zu holen gibt…den Streckenrekord „non supported“. Dieser liegt bei 45h41min. Und Schwupps fällt das leckere Eis meinen Ambitionen zum Opfer 😉

Als es endlich abkühlt am Abend, bin ich ziemlich ausgepowert und heilfroh, dass es nur noch ca. 100km bis ins Ziel sind. Diese ziehen sich dann nochmal wie Kaugummi. Es kommen wieder einige Wellen und die Strecke schraubt sich langsam aber sicher auf das Höhenniveau von Garmisch. Da ich bisher noch keine Minute geschlafen habe, macht sich nach Anbruch der Nacht auch die Müdigkeit etwas bemerkbar. Aufgrund der Erschöpfung und der feuchten Luft wird es mir gegen Ende sogar noch richtig kalt und ich muss erstmals Beinlinge und mein langes Wintertrikot überziehen. Jetzt werden die Telefonate mit Freunden besonders wichtig. Ein Anruf jagt den nächsten und so gehen auch diese letzten Stunden vorüber. Kurz vor dem Ziel steht auch mein guter Freund Matthias an der Strecke und feuert mich an. Er ist spontan aus München nach Garmisch gefahren, um mich im Ziel zu empfangen und vom Ziel ins Hotel zu bringen. Als ich das Ortsschild von Garmisch passiere, kommt die Euphorie zurück und ich freue mich schon richtig aufs Ziel…aber der Ort ist lang und die Olympiaschanze liegt ganz am Ende… Doch auch die letzten Meter und Kurven gehen irgendwie vorbei und das Glück ist unbeschreiblich, als ich am Fuß der Olympiaschanze ins Stadion einfahre und mich Matthias und Dieter unter dem Zielbogen empfangen.

Es ist vollbracht!

Mein Garmin zeigt 1.116km und eine Zeit von 40:33min.

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Das ist deutlich schneller als ich mir jemals hätte vorstellen können und damit Platz 1 der „non supported“ Kategorie, neuer Streckenrekord in dieser Kategorie, ein respektabler 4. Gesamtrang bei den Solofahrern und die Race Across America Qualifikation. Die Endorphine geben alles und die Strapazen und Entbehrungen der Strecke sind für einen Moment vergessen 🙂 Ich genieße den Moment und freue mich, dass ich ihn mit Matthias und dem Organisationsteam teilen kann.

Danke!

Vielen Dank an dieser Stelle vor allem an meine Frau Sandra und meine Kinder, die bei Vorbereitung und Wettkampf oft zeitlich zurückstecken müssen. Ohne diese Unterstützung wäre an die Teilnahme bei einer solchen Veranstaltung überhaupt nicht zu denken. Dies ist auch einer der Gründe, warum eine RAAM-Teilnahme als Solostarter trotz erneuter erfolgreicher Qualifikation, in unserem aktuellen Lebensabschnitt mit kleinen Kindern, nicht in Frage kommt für mich.

Vielen Dank auch an die anderen Starter und ihre Teams für ihre Kameradschaft auf der Strecke und an Matthias für den Empfang im Ziel und die großartige Betreuung im Anschluss. Ein riesen Dank gilt auch meinen Freunden und Kollegen, die mich mit Anrufen, Facebook- und Whatsapp-Kommentaren zu jeder erdenklichen Uhrzeit bei Laune und motiviert gehalten haben. Und natürlich Dieter Göpfert und seinem Team, die dieses tolle Event möglich und mit viel Engagement und Herzblut auch zu etwas Besonderem machen.

Abschlussveranstaltung

Nach kurzem aber intensivem Schlaf im Hotel treibt mich der Hunger am Morgen zum Frühstücksbuffet. Dort treffe ich noch auf die zwei AbbVie Viererteams und ihre Betreuer, die zufällig im gleichen Hotel abgestiegen sind, und wir genießen das Frühstück gemeinsam.

Am Sonntagnachmittag findet dann die Siegerehrung am Fuß der Olympiaschanze statt. Ein schönes Ambiente und ein würdiger Abschluss für das RAG 2018. Jeder gratuliert jedem und alle sind Sieger über die Strecke.

Wie geht’s weiter

In der vergangenen Woche war körperlich erst einmal Regeneration angesagt – auch wenn ich ab Montag gleich wieder arbeiten musste. Mein Körper hat auf diesen Missbrauch wie gewohnt mit größeren Wassereinlagerungen vor allem in den Beinen reagiert, so dass die Waage bereits am Montagabend 7 Kilogramm mehr angezeigt hat, als vor dem Start. Die Wassereinlagerungen und das Ziehen in den Knien hat sich im Verlauf der Woche aber schon wieder normalisiert, wozu sicher auch die zwei 30-minütigen Recoveryfahrten auf der Rolle positiv beigetragen haben. Wie weit die Regeneration in zwei Wochen tatsächlich sein wird, wird sich nächstes Wochenende bei der Salzkammerguttrophy zeigen, wenn ich mit dem MTB die A-Distanz in Angriff nehme…nach dem Rennen ist vor dem Rennen. Ride on.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Race Across Germany / 24h vor dem Start

Morgen ist der große Tag und ich starte zum zweiten Mal beim Race Across Germany (www.raceacrossgermany.de) – ein non-Stopp Ultracycling Race von Flensburg nach Garmisch über 1.100km und 7.500hm. Die Anspannung steigt und es wird Zeit, dass es morgen früh um 08:30Uhr für mich endlich auf die Strecke geht 🙂

Wenn ihr mich wieder live verfolgen möchtet, so könnt ihr dies hier tun. Ich bin der Punkt mit der Nummer 15:

http://live.tractalis.com/2018/rag2/

Aber Achtung: das sogenannte Dot-Watching kann süchtig machen 😉

Da ich aus privaten Gründen sehr kurzfristig vom Race Across the Alps aufs Race Across Germany umdisponieren musste, habe ich dieses Jahr die „Non-Supported“ Variante gewählt. D.h. ich bin auf der Strecke komplett auf mich alleine gestellt – kein Begleitfahrzeug und kein Support durch ein Begleitteam. Somit muss alles was ich mir unterwegs nicht kaufen kann, oder aus Zeitgründen nicht möchte, selbst auf dem Rad transportiert werden. D.h. Beleuchtung, Powerbanks (für Navigation und Handy), Kleidung (für die unterschiedlichen Temperaturen während des Events), Werkzeug, Ersatzteile und Verpflegung drücken ganz schön aufs Gewicht. So wird mein Fahrrad mit 2 gefüllten Trinkflaschen ca. 18kg auf die Waage bringen, wenn ich von der Startrampe rolle.

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Heavy Load

Zeit verliert man als Non-Supported Fahrer neben dem zusätzlichen Gewicht aber auch durch regelmäßige Stopps, bei denen man an der Strecke irgendwo (Tankstellen, Bäckereien, Brunnen, Friedhöfe, …) den Wassernachschub und sicher auch noch den ein oder anderen Snack sicherstellen muss. Vor allem in den Nachtstunden manchmal eine echte Herausforderung. In der Satteltasche sind zwar ~7.500kCal Energie in Form von Getränkepulver und Gels versteckt, das deckt aber bei weitem nicht den Energiebedarf der kompletten Strecke.

Insofern bin ich gespannt wie schnell ich unterwegs sein kann. Ein Traum wäre, wenn ich es analog letztem Jahr, wieder unter 48 Stunden schaffen würde. Eine Gewissen Hoffnung dazu besteht, da die Wetterverhältnisse deutlich besser werden sollen als letztes Jahr.

Im vergangenen Jahr haben mich die Gespräche mit meinem Team im Begleitfahrzeug über Headset am Helm und die regelmäßigen Kommentare meiner Freunde auf Facebook sehr motiviert und mir auch geholfen, die vielen Stunden auf dem Rad mental gut zu bewältigen. Deshalb habe ich mich trotz Zusatzgewicht dazu entschlossen eine zusätzliche Powerbank fürs Handy und das Headset wieder mitzunehmen. Würde mich sehr freuen, wenn der ein oder andere Lust hat mich zwischendurch anzurufen und mir am Telefon etwas die Zeit zu vertreiben. Da über die lange Distanz keine hohe Intensität gefahren wird, ist das problemlos möglich. Falls es gerade nicht passt, so nehme ich einfach nicht ab bzw. rufe zurück. Evtl. kann ich auch das ein oder andere kurze Update auf Facebook bringen.

Jetzt sitze ich erstmal im Zug nach Flensburg, schreibe diese Zeilen, und werde gleich auch noch einen „leckeren“ Rote Beete Saft zur Vorbereitung „genießen“ 🙂

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Nitrat bunkern vor dem Start

Heute Abend um 18:00Uhr startet dann der offizielle Teil in Flensburg mit einem Briefing für die Fahrer, und ich freue mich schon sehr auf neue Bekanntschaften bzw. altbekannte Gesichter aus der Szene.

Ziel Rekalibrierung / Black Forest Ultra Bike Marathon Spontanstart

Eigentlich wollte ich kommenden Freitag gemeinsam mit Begleitcrew das Race Across the Alps in Angriff nehmen. In der engen Familie haben wir aber einen Trauerfall zu beklagen 😦 Deshalb wird aus dem RATA-Start kurzfristig nichts, da Beerdigung und RATA zeitgleich stattfinden und das RATA da natürlich hintenansteht.

Deshalb habe ich nach Alternativen Ausschau gehalten, um die aufgebaute RATA-Form anderweitig auf die Straße zu bringen. Und siehe da, das Race Across Germany (RAG) von Flensburg nach Garmisch findet eine Woche später statt. So wird aus dem RATA-Rookie eben ein RAG-Wiederholungstäter. Wobei ich das RAG dieses Jahr ohne Begleitfahrzeug „non-supported“ in Angriff nehmen werde.

Und statt mich heute (Sonntag) für den Start beim RATA zu schonen, habe ich gestern spontan noch für den Black Forest Ultra Bike Marathon gemeldet und zur Abwechslung vom Rennrad mal wieder mein Centurion Backfire Carbon aus dem Stall geholt.

Durch die spontane Entscheidung konnte ich erst am Renntag anreisen und so klingelte mich der Wecker morgens um 4Uhr aus den Federn. Nach kurzer Katzenwäsche ging es direkt mit dem Auto nach Kirchzarten (Südschwarzwald) zum Start.

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Lecker Frühstück für die Autofahrt

Auf der Fahrt zwischen halb fünf und fünf habe ich noch schnell die obligatorischen Expresskalorien zugeführt, damit der Tank zum Start um 07:45Uhr nicht völlig leer ist. Das Warm-up auf dem Rad vor Ort wurde dann auch eher zu einem zweiten Wake-up, da der Kreislauf noch etwas widerwillig auf Sport zu solch unchristlicher Zeit reagiert hat.

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Startaufstellung – top Wetterbedingungen – nicht zu warm und nicht zu kalt

Im Ziel war ich dann positiv von meiner Platzierung überrascht (5. Platz Altersklasse von 266 Finishern und gesamt 20. von 1.212). Überrascht vor allem deshalb, da ich aufgrund der späten Anmeldung aus dem dritten Startblock starten musste, und während des gesamten Rennens nicht wusste an welcher Position ich liege. Von hinten musste man sich dann durch das Feld der Lizenzdamen (die zeitgleich auf dem Kurs die Deutsche Marathon Meisterschaft bestritten) und die vorderen Hobbyblöcke „arbeiten“, die jeweils mit ein paar Minuten Vorsprung auf die Strecke sind. Gut für die Moral, da man ständig überholt. Aber schlecht für die Performance, da man nicht in einer schnellen Gruppe Windschatten fahren kann und die Überholvorgänge vor allem auf engen Trails sehr viel Kraft kosten. Cooles Gefühl, wenn man im Ziel dann trotzdem ein paar Sekunden schneller als die neue Deutsche Meisterin unterwegs war – ich weiß… typisch Machomänner 😉 Bei einem Start im ersten Block hätte es vielleicht sogar aufs Treppchen in der Altersklasse gereicht…, hätte, hätte, Fahrradkette, …

Der Black Forest Ultrabike ist wirklich ein super Event. Die Strecke ist zwar vom technischen Anspruch nichts Besonderes, aber die motivierten Zuschauer, die einen an der Strecke ständig anfeuern, das schöne Veranstaltungsgelände, die gute Zielverpflegung und die top Organisation vor Ort, gleichen das mehr als aus.

Und der Start am frühen Morgen hatte zumindest den Vorteil, dass ich pünktlich zum Anpfiff des Deutschland-Spiels wieder bei meinen Jungs zu Hause war 🙂

Die nächste (sicher auch wieder ausführlichere Story) gibt es dann bald vom Race Across Germany.

Superrandonnée Belchen satt – Auf und nieder immer wieder

Vergangene Woche habe ich ein paar freie Tage zwischen zwei Familienurlauben genutzt, um die 620km und 12.000 Höhenmeter der Superrandonnée „Belchen satt“ unter die Räder zu nehmen. Wie jedes längere Brevet ein kleines Abenteuer, das einen dem straff durchorganisierten Tagesablauf entreißt und körperlich und mental einen Kontrapunkt zum Alltag setzt. In diesem Blogbeitrag möchte ich das Erlebte in mein digitales Gedächtnis brennen und die Vorbereitung, Höhen/Tiefen und weitere Eindrücke mit euch teilen. Für die Randonneure unter euch befindet sich am Ende auch noch meine Packliste zur Inspiration. Eine Warnung gleich vorweg: der Bericht ist analog zur Tour etwas länger geraten 😉

Die Strecke

Organisiert wird die Superrandonnée „Belchen satt“ von der ARA Breisgau. Es handelt sich dabei um eine sogenannte „Permanente“. D.h. man kann die Strecke ganzjährig angehen. Die Organisatoren Walter und Urban stellen hierzu einen GPX-Track, Routenbeschreibung, Höhenprofil und eine Brevetkarte zur Verfügung. An vordefinierten Kontrollstellen dokumentiert man das eigene Vorankommen mit Fotos, die als Nachweis zur Befahrung der Strecke dienen, und trägt die Durchfahrzeiten in seine Brevetkarte ein. Die Strecke startet und endet in Freiburg und führt durch die eindrucksvolle Landschaft des Südschwarzwaldes, des Schweizer Jura und der Vogesen.

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Quelle: Trackaufzeichnung aus Garmin Connect

Details zum Brevet finden sich allesamt auf der Veranstaltungshomepage:

https://www.ara-breisgau.de/superrandonnee/

Der Name „Belchen satt“ leitet sich dabei von den vielen „Belchen“ bzw. „Ballons“ ab, die man überquert. Zitat dazu von der ARA Breisgau Seite:

Wie der Name schon sagt, führt die Strecke über alle namhaften Belchen (frz.: Ballon) rund ums Dreiländereck, sechs Stück insgesamt:

Deutscher Belchen, Schweizer Belchen, Ballon de Servance, Ballon d’Alsace, Grand Ballon, Petit Ballon

Dazu kommen noch etliche andere, teilweise höchst knackige Anstiege. Der höchste zu befahrende Punkt ist auf dem Chasseral erreicht (1600 m).

Für ein Brevet sind die stark 600km nicht ungewöhnlich. Die besondere Herausforderung der Strecke ergibt sich hingegen durch die vielen Höhenmeter (ca. 12.000), die zum Teil auf extrem steilen Auffahrten und abgeschiedenen Passsträßchen gesammelt werden.

Das ist landschaftlich und aufgrund des fast nicht vorhandenen Autoverkehrs sehr reizvoll. Diese Abgeschiedenheit und Idylle verdient man sich aber hart bei steilsten Rampen bergauf wie bergab und teils zweifelhaftem Straßenbelag. Beides – vor allem in Kombination – stellt einen vor allem in der Nacht vor die ein oder andere Herausforderung bzw. erforderte deutlich mehr Konzentration als es bei einem flachen Brevet der Fall ist.

 

Wieso/Weshalb/Warum

Diese Frage lässt sich auch kurz mit „Warum nicht?“ beantworten 😉 Etwas tiefer in der eigenen Motivation gegraben ist es wohl eher die Lust am Abenteuer bzw. daran etwas Außergewöhnliches zu erleben. So wie Jugendliche das erste Mal wider alle Vernunft eine Nacht durchmachen, so triggert die Grenzüberschreitung bei mir wohl immer noch eine kindliche Freude. Und wie bei jeder Droge, so muss auch hier langsam die Dosis (sprich Kilometer/Höhenmeter) gesteigert werden, damit sich ein veritabler Rausch einstellt 🙂

Und um die Sucht zu befriedigen, habe ich mich in 2018 wieder für einige längere Events angemeldet. Unter anderem zum Race Across the Alps (RATA) dem 24h-Rennen in Schötz und der Extremdistanz bei der Salzkammergut Trophy. Vor allem das Race Across the Alps (RATA) und die Salzkammerguttrophy warten mit richtig vielen Höhenmetern auf die Ausdauerjunkies. Und so habe ich für die Vorbereitung im Frühjahr auch nach einem Brevet mit vielen Höhenmetern Ausschau gehalten und bin dabei über „Belchen satt“ gestolpert. Die Pfingstferien hatten wir für Familienurlaub sowieso schon frei genommen und zwischen dem Santana Tandemtreffen in Bamberg und unserer Kreuzfahrt in der Ägäis war mit vier Tagen gerade genug Zeit, um mit An- und Abreise nach Freiburg einen Ausdauervollrausch einzuplanen und für die kommenden Herausforderungen des Sommers adäquat vorzuglühen.

Vorbereitung

Da das Zeitfenster klein und unflexibel war, konnte ich allerdings auch keinen Mitstreiter gewinnen, und musste das Abenteuer solo in Angriff nehmen. Das war in der Vorbereitung auch meine größte Sorge, da ich nicht einzuschätzen wusste, wie hart mich die Einsamkeit des Schweizer Jura oder der Vogesen mitten in der Nacht mental treffen würde.

Bzgl. Material habe ich auch als Test fürs RATA noch zwei Veränderungen an meinem Rennradsetup vorgenommen. Erstens wurde der Aeroauflieger gegen die deutlich leichteren Spirgrips Innerbarends (http://www.spirgrips.com) ausgetauscht. Und zweitens habe ich die Übersetzung am Rennrad auf steigungsfreundliche 50/34×11/34 umgestellt. Letzteres auch inspiriert durch die Streckenbeschreibung auf der Website und Berichte anderer Finisher der „Belchen satt“, die alle eines gemeinsam hatten: Klagen über Hochprozentiges 🙂

Darüber hinaus war nur eine Unterkunft für die Nacht vor-/nach dem Brevet (https://www.booking.com/hotel/de/theater-am-eck.de.html) und das Zugticket zu ordern. Die Unterkunft ist sicher kein Geheimtipp und die Zimmer winzig, aber mit etwas Experimentierfreude habe ich es sogar geschafft, das Rennrad im Zimmer unterzubringen. Und bei 69,-€ für 3 Nächte im Zentrum von Freiburg sollte man auch keinen großen Luxus erwarten.

Ernährung

Ich wollte das Brevet zwar nicht im Rennmodus fahren, sondern mir unterwegs auch immer wieder Zeit für Fotos oder eine Leckerei am Weg nehmen, aber bzgl. Verpflegung trotzdem ziemlich autark sein. Erstens hatte ich mich im Vorfeld nicht mit den Verpflegungsmöglichkeiten am Weg beschäftigt und zweitens ist es gar nicht so einfach Kohlenhydrate in ausreichender Menge zu sich zu nehmen ohne den Magen massiv zu belasten. Da ist es doch am einfachsten man setzt auf bewährtes. Und je abgelegener die Routenführung bzw. je später in der Nacht, desto schwieriger wird es, überhaupt noch etwas aufzutreiben. Deshalb war meine Satteltasche zu Beginn der Reise neben Kleidung, Werkzeug und Ersatzteilen auch randvoll gefüllt mit Kalorien.

 

Den Start hatte ich auf 06:00Uhr morgens geplant, damit ich möglichst viele Kilometer bei Tageslicht bereits am ersten Tag abspulen konnte. Und da ich wenig optimistisch war davor ein feudales Frühstück aufzutreiben, gab es vor dem Start noch schnell 600kCal aus dem Ensure Plus Tetrapack im Hotelzimmer.

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Frühstückssnack 1,5kCal/ml

 

Am 24.05. drücke ich somit pünktlich um 6 am Martinstor in Freiburg den Startknopf auf meinem Garmin und starte ins Abenteuer. 32h 34min später wieder am selben Ort angekommen, wird das Garmin über 17.000kCal gesammelt haben. Die Verpflegung auf der Strecke zusammengenommen, habe ich ca. 7.000kCal zugeführt, so dass die restlichen 10.000kCal (abzüglich ~2.000kCal Muskel-/Leberglykogen) wohl irgendwo aus den unerschöpflichen körpereigenen Fettspeichern bedient wurden. Jeden der jetzt denkt, das wäre als Diät geeignet, möchte ich gleich enttäuschen. Das entspricht gerade einmal stark einem Kilogramm Körperfett. Und wer die Fressattacken nach einem solchen Event kennt, der weiß auch, dass der Körper sich auch das schnell wieder zurück holt 😉

On the road / Höhen / Tiefen

Kaum ein paar Meter vom Martinstor losgefahren hält der Track schon die erste Herausforderung bereit. In welche Richtung soll man den Rundkurs aus Freiburg heraus fahren? Also schnell nochmal angehalten und auf meiner Backupnavilösung Komot auf dem Handy nachgeschaut, die den Track inklusive kleinen Richtungspfeilen visualisiert. Eines der wenigen fehlenden Features an meinem Garmin…

Sicher jetzt auf dem richtigen Kurs zu sein, trete ich motiviert in die Pedale und erklimme gleich die ersten 900hm auf den Schauinsland und danach über den Hohentann auch gleich noch den Belchen.

Die Wetterlage am frühen Morgen zaubert dabei eine ganz besondere Stimmung:

Die Straße ist zwar patschnass von den Regenfällen der vergangenen Nacht, aber von oben ist alles trocken. Und so begehe ich den Fehler, mich nach den wärmenden Auffahrten, auch gleich die ersten langen Abfahrten in kurzer Hose hinabzustürzen. Da die Temperatur dabei unter 10° Celsius sinkt, heraufspritzende Nässe die kompletten Beine einhüllt und der Windchilleffekt sein Übriges beiträgt, wird es den Knien gleich einmal zu kalt und sie fangen bei der nächsten Auffahrt zum Tiergrüble schon an zu zwicken. Gar nicht gut, wenn man noch über 550km vor sich hat. Das Kopfkino beginnt, und ich male mir schon aus, wie ich kaum in der Schweiz ankommen schon nach einem Bahnhof für die Heimfahrt Ausschau halten muss.

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Kontrollstelle Tiergrüble

Zum Glück falscher Alarm. Je näher ich der Schweizer Grenze komme und je tiefer ins Tal, desto wärmer wird es und auch die Straßen trocknen ab. Und mit der Wärme laufen auch die Knie wieder geschmeidiger und ich verdränge die pessimistischen Gedanken.

In Laufenburg beim Überqueren der Schweizer Grenze ist das Wetter dann schon richtig sonnig und es folgen 20-30km, die sich mit nur leichter Steigung das Tal hinaufziehen. Kaum ist alles richtig trocken, macht sich bereits ein weiterer Effekt der vorhergehenden Nässe bemerkbar. Das heraufspritzende Wasser auf den ersten 100km hat die Kette ziemlich ausgewaschen und das Gleitmittel durch feinen Sand der Schwarzwälder Straßen ersetzt. Die Option den Rest der Strecke mit knirschender Kette zurückzulegen verwerfe ich schnell und halte bei den nächsten Ortsdurchfahrten die Augen nach einem Radladen offen. Und wie gerufen kommt in Balsthal ein Intersport mit Radwerkstatt, dessen Schraubercrew meinem gequälten Antriebsstrang in schönstem Schweizerdeutsch die dringend nötige Zuwendung gewährt. Die Jungs von www.sporthus.ch sind klasse und möchten nicht einmal ein Trinkgeld annehmen, bevor sie mich wieder auf den sonnigen Kurs schicken.

Jetzt folgen einige Kilometer, die auf dem Höhenprofil mit nur kurzen Anstiegen gar nicht spektakulär wirken, es aber mit steilen Rampen mit bis zu 20% Steigung ganz schön in sich haben. Ich bin heilfroh, dass ich mich für die Kinderübersetzung 34×34 entschieden habe, sodass ich alles fahren kann. Mit den Rennradschuhen wäre Schieben sowieso keine echte Option gewesen. So vergeht der sonnige Nachmittag wie im Flug und ich erklimme einen Gipfel nach dem anderen und tränke das Oberrohr mit Schweiß, als die Temperaturen bis auf 30° ansteigen. Nach Überquerung von Chilzimmersattel, Weissenstein und einiger weiterer kleinerer Anhöhen erreiche ich gegen 18:00Uhr mit dem Chasseral den höchsten Punkt der Route (1.598m) und genieße die wunderschöne Aussicht.

In La Goule bei Kilometer 276 passiere ich die letzte Kontrollstelle bei Tageslicht und fahre auf kleinsten Straßen weiter in Richtung Frankreich.

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Kontrollstelle La Goule

Die Grenze aus der Schweiz nach Frankreich ist dann auch so unscheinbar, dass ich sie in Gedanken versunken gar nicht wahrnehme. Denn als ich irgendwann denke, dass es langsam Zeit wird für einen Abendsnack stelle ich fest, dass die Autos in der nächsten Ortschaft bereits französische Nummernschilder tragen. Das passt prima, da ich sowieso keine Schweizer Franken dabeihabe und als guter Schwabe beim Anblick der Preise in Schweizer Restaurants sowieso einen Herzinfarkt bekomme. Meinen Wassernachschub hatte ich seit Erreichen der Schweiz somit auch aus öffentlichen Brunnen gedeckt    .

So lange das Wasser kalt daraus hervorfließt und ein kurzer Geschmackstest positiv verläuft gehe ich optimistisch davon aus, dass es nicht nur im Kreis gepumpt wird und halbwegs genießbar ist. Auch wenn Gemeinden gerne abschreckende Schilder (kein Trinkwasser, nicht kontrolliert, …) daran anbringen. Auf den nächsten Kilometern genieße ich noch die Abendsonne.

So lege ich irgendwo in der Nähe von Charmauvillers beim Einbruch der Dämmerung eine Pause zum Abendessen ein und lasse es mir bei zwei Stück leckerem hausgemachten Kuchen gut gehen.

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Abendessen – hausgemachter Apfelkuchen

Die Pause nutze ich auch gleich, um mich für die Nacht wärmer anzuziehen und auch die Beleuchtung am Fahrrad gut auszurichten. Gleich vorweg, die Lupine Piko 7 hat mich auch dieses Mal wieder nicht enttäuscht und mit einer Akkuladung die gesamte Nacht durchgehalten – „We are the Light“ ist bei Lupine tatsächlich mehr als ein schicker Werbeslogan.

So radle ich frisch gestärkt, warm angezogen und voll motiviert in die Nacht und freue mich darüber, dass der Himmel relativ klar ist und abseits der großen Ortschaften die Sternen am Firmament voll erstrahlen. Irgendwo vor Glainans passiert es dann. Ich bin in mein GPS vertieft, um herauszufinden, wann die nächste Kontrollstelle ansteht, und achte dabei nicht auf die Straße, die zu diesem Zeitpunkt eigentlich ganz ordentlich ist. Es macht plötzlich rums, der Lenker springt mir fast aus der Hand, und eine zehntel Sekunde später gibt mir auch das Hinterrad einen herben Schlag auf den Allerwertesten begleitet vom lauten Zischen der sofort entweichenden Luft meines Hinterreifens.

Mist, Mist, Mist, kurz unachtsam und dann gleich sowas – ein tiefes Schlagloch hat mich in voller Fahrt unerwartet gebremst. Ich halte schnell an und überprüfe, ob auch der vordere Reifen Luft verliert – negativ – wenigstens das – nur ein Schlauch zu wechseln. Ein erneuter kurzer Blick aufs Navi erhärtet meinen Verdacht, dass keine Ortschaft in der Nähe ist und eine Reparatur auf freiem Feld ohne Straßenbeleuchtung ansteht. Also die ganze Fuhre rechts von der Straße auf die taunasse Wiese gepackt und zuallererst die Stirnlampe aus der Satteltasche gekramt, um wenigstens etwas zu sehen.

Schnell ist einer der drei Ersatzschläuche, die ich dabeihabe, eingezogen und das mühsame Aufpumpen mit der Minipumpe beginnt. Der Reifen ist schon richtig prall, als mir beim Pumpen auffällt, dass der Mantel wohl auch etwas abbekommen haben muss. Der Schlauch drückt an einer Stelle schon eine richtige Blase durch die aufgerissene Seitenwand des Mantels. Nur zu gut, dass ich auch einen Ersatzmantel im Gepäck habe. Also Luft wieder raus, Ersatzmantel mit nächstem Schlauch aufgezogen und die Pumperei geht von vorne los. Und Pumpen heißt in diesem Fall mindestens 6-7 bar in den Reifen zu pressen, damit Durchschläge bei der Straßenqualität nicht alle paar Kilometer auftreten. Meine schmächtigen Radlerarme werden schon ganz taub, als endlich genug Druck im Reifen ist und ich die Pumpe (die mit Schraubverschluss auf dem Ventilgewinde befestigt wird) wieder vom Schlauch abdrehe. Beim ersten Zischen denke ich mir noch nichts, aber als mit einem Schlag der Reifen wieder komplett leer ist wird mir klar, dass sich das Sclaverandventil gemeinsam mit der Pumpe vom Ventilstutzen gelöst hat. Mist, Mist, Mist, das kann doch wohl nicht wahr sein. Ventil also wieder in den Ventilstutzen eingedreht und dieses Mal die Pumpe besonders sorgsam ohne jedes Verkanten montiert und die Pumperei beginnt von neuem. Ich mache es kurz…auch die kommenden zwei (oder waren es drei) Versuche führen zum selben Ergebnis. Immer beim Ablösen der Pumpe löst sich auch das Ventil vom Schlauch und die gesamte Mühe verpufft sprichwörtlich mit einem kurzen Zischen in der Atmosphäre. Das Kopfkino rattert und einsetzende Erschöpfung und Frustration helfen auch nicht gerade beim klar denken. Ich bin kurz davor den ganzen Bettel in die Wiese zu pfeffern und mich in meine Rettungsdecke gehüllt dazu zu legen und darauf zu warten, bis es am Morgen wieder hell wird, da ich in diesem Moment glaube, dass es ein Problem mit der Pumpe ist und ich mitten in der Nacht sowieso keine andere aufgetrieben bekomme.

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Reparatur läuft nicht mitten in der Nacht – Schluss mit lustig…

Aber ein Brevet ist eine Prüfung…und was wäre eine Prüfung, bei der alles glatt läuft. Also nochmal tief durchgeatmet und die Gedanken neu sortiert. Evtl. liegt es ja doch nicht an der Pumpe, sondern am Schlauch. Also Schlauch raus und den nächsten Ersatzschlauch eingefädelt. Eine ermüdende Pumporgie später mache ich drei Kreuze und halte selbst die Luft an, als das Ventil seiner eigentlichen Bestimmung beim Abziehen der Pumpe nachkommt und die Luft im Reifen hält. Zwischenprüfung bestanden – es kann wieder weitergehen. Also das nasse Equipment wieder von der Wiese eingesammelt, am Rad verstaut und weiter geht die wilde Fahrt. Ab jetzt tatsächlich etwas wilder, da das Hinterrad einen vermeintlich extremen Höhenschlag abbekommen hat, der bei jeder Radumdrehung einen spürbaren Impuls gehn Sattel sendet. Im Tageslicht am nächsten Morgen sollte sich dann herausstellen, dass der Mantel an einer Stelle tiefer im Felgenbett saß. Das ließ sich aber auch mit erneutem Luftablassen, Mantel ausrichten und Aufpumpen nicht beheben (erst zu Hause hat ein kurzes Erhöhen des Reifendrucks auf 9bar mit der Standpumpe den Mantel korrekt ins Felgenbett springen lassen).

Die nächsten Kontrollstellen Glainans, Lure und den Ballon Servance passiere ich dann bei Dunkelheit.

Die Fahrt läuft gut, die Beinchen schnurren und ich bekomme auch keine Probleme mit der Müdigkeit. Aber der Flüssigkeitsnachschub wird zunehmend schwierig. Als ich in Lure um ca. 1Uhr morgens an einer Tankstelle versuche nachts an Cola aus dem Automat zu gelangen, stelle ich leider fest, dass mein Kleingeld nur für eine 0,5Liter Flasche reicht. Als ich ein junges Mädel beim Betanken ihres Autos unvermittelt in einem Kauderwelsch aus Englisch und Französisch anspreche und nach Kleingeld zum Wechseln frage, bekommt sie glaube ich den Schreck ihres Lebens – und kann mir leider auch nicht weiterhelfen. Zum Glück sehe ich in Lure, wie ein Besitzer gerade seine Bar zu macht und kann ihn dazu überreden meine Flaschen mit Leitungswasser aufzufüllen. Das nächste Mal laufe ich völlig trocken bevor es in die Auffahrt zum Ballon d’Alsace geht. Durst macht sich breit und ich halte bei jeder Ortsdurchfahrt verzweifelt nach Brunnen oder einem Friedhof mit Gießwasser Ausschau. Aber nichts zu sehen. Doch da eilt mir die Müllabfuhr zu Hilfe. Als ein Müllauto kurz vor Morgengrauen an einem Stapel gelber Säcke anhält, kann ich den netten Müllmann davon überzeugen, mir seinen Getränkevorrat gegen ein großzügiges Trinkgeld zu überlassen. Schwuppdiwupp fülle ich die 1,5 Liter lauwarmes Wasser aus seiner alten PET-Colaflasche in meine Radflaschen um, und gebe ihm das gute Stück mit 5€ „Pfandgeld“ wieder zurück. In der Not kann man nicht wählerisch sein 😉

Mit frischem Treibstoff mache ich mich auf zum nächsten größeren Gipfel und erklimme in der Morgendämmerung den Ballon d’Alsace, um passenderweise auf dem Gipfel ein Kontrollfoto vor einem Tour de France Denkmal zu schießen.

Im darauffolgenden Tal vor dem Col du Page fahre ich immer wieder durch Frühnebelschwaden, so dass es empfindlich kühl bleibt und ich weiter in langen Radklamotten unterwegs bin.

Generell bin ich in der gesamten Nacht vor allem bei den schnellen Passabfahrten gerade noch so im erträglichen Bereich der Radklamotten unterwegs.

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Screenshot Garmin Connect – von 6° bis 30° Celsius ist alles dabei

Im kleinen Ort Oderen lege ich dann nochmals einen längeren Stopp ein, bevor es in den Endspurt geht. Ich fülle die Flaschen erneut auf und stärke mich in der Morgensonne zur Abwechslung von der Isopampe einmal mit leckeren süßen Stückchen vom Bäcker. Ein wahrer Genuss!

Die letzten Kilometer und Höhenmeter verlaufen dann relativ ereignislos. Es wird nochmals richtig steil und rau auf der folgenden Auffahrt. Aber nach dem bisherigen Streckenverlauf kann mich das auch schon nicht mehr schocken. Die schwindende Konzentration durch den Schlafmangel bemerke ich hauptsächlich dadurch, dass ich mir beim Schalten offensichtlich nicht mehr merken kann, wenn ich bereits im ersten Gang angekommen bin. In den steilen Rampen versuche ich regelmäßig in einen leichteren Gang zu schalten, obwohl ich den leichtesten Gang bereits kurz vorher eingelegt habe. Die regelmäßige eigene Enttäuschung, dass es nicht mehr leichter geht, ist in diesen Momenten schon fast wieder drollig.

So geht es über den Grand Ballon, den Petit Ballon und den Col du Firstplan über die letzten ernsthaften Prüfungen dieser langen Fahrt, wobei es zusehends wieder wärmer wird und der Schweiß erneut in Strömen fließt.

Bei der Abfahrt vom Col du Hundsplan öffnet sich die Rheinebene vor mir und die letzten 50km führen mich hauptsächlich flach, aber mit starkem Gegen- und Seitenwind zurück nach Freiburg zum Martinstor. Damit setzt sich aber sowieso nur der gefühlte Trend fort, den mir nach der Tour auch MyWindSock in der Statistik für meine Fahrt bestätigt.

Ein kurzer Blick auf die Uhr zeigt mir, dass keine „magische“ Zeitgrenze als Motivation zu einem Endspurt herhalten kann und so nehme ich etwas Druck vom Pedal und nutze die letzten 1,5 Stunden zum lockeren Ausfahren. Am Martinstor angekommen durchströmt mich dann die wohlige Freude und tiefe Befriedigung die gesteckte Herausforderung gemeistert und die Fuhre gut ins Ziel gebracht zu haben.

Schnell noch die obligatorischen Kontrollfotos geschossen, die Beine etwas gedehnt und ab zum nächsten Feinkostimbiss, um die geleerten Energiespeicher wieder für zukünftige Abenteuer zu füllen. This is why we ride 😉

Nach einer ausgiebigen Dusche und einem Powernap schlendere ich dann nochmal am Abend gemütlich zurück in die Freiburger Fußgängerzone für den zweiten Regenerationsgang.

 

Epilog

Während ich diesen Bericht schreibe, sitze ich gemütlich am Pooldeck eines Kreuzfahrtschiffes im Ägäischen Meer. Vielleicht hat auch das dazu geführt, dass der Bericht etwas lange geraten ist. Glückwunsch an alle Leser, die es bis zum Epilog geschafft haben 🙂

Nachdem meine Beine die ersten Tage (wie bei mir üblich) mit Wassereinlagerungen auf die lange Belastung reagiert haben, ist in der Zwischenzeit – von kribbelnden Fingern abgesehen – körperlich alles wieder innerhalb der üblichen Toleranzen. „Belchen satt“ war der perfekte Test fürs RATA. Nach ein paar Nächten mit viel Schlaf bin ich auf jeden Fall zuversichtlich, dass auch die 14.000hm des RATA keine unlösbare Aufgabe sind und bin schon richtig heiß darauf dort den Höhenmeterturbo gemeinsam mit meiner Crew zu zünden.

Zuletzt noch vielen herzlichen Dank an Urban und Walter für die Organisation dieser tollen Superrandonnée und die liebevolle Streckengestaltung, die einen zum größten Teil fernab des Verkehrs durch die schöne Landschaft führt. Dieser einsamen Streckenführung ist es auch zu verdanken, dass man unterwegs viel Zeit hat seinen Gedanken nachzuhängen und die Bewältigung der Strecke dadurch auch meditativen Charakter bekommt. Das war sicher nicht mein letztes Brevet der ARA Breisgau!

 

Packliste – zur Inspiration für Nachahmungstäter

Packliste Brevet Kommentar
Rettungsdecke Wenn man ungeplant am Wegesrand ein Nickerchen einlegen muss oder man zu wenig warme Radklamotten für die Witterung dabei hat
Radhelm
Radschuhe
Radhose, kurzes Unterhemd, kurzes Trikot, langes Trikot, Armlinge, Beinlinge, Regenüberschuhe, Windweste, Regenjacke, Radhandschuhe
3x Ersatzschlauch
Garmin GPS mit Pulsgurt Das Handy (mit der Komot App) habe ich zum Fotos schießen und als Backupnavigationslösung beim Versagen des Garmins noch mit an Bord
Fahrradschloss Ich habe ein kleines ABUS Zahlenschloss mit Drahtseil – das hindert zwar niemanden mit Werkzeug, dient aber als Wegfahrsperre, wenn man z.B. in einen Supermarkt das Rad kurz nicht im Blickfeld behalten kann
Ausweis Die Tour überquert 3 Mal eine Landesgrenze – sicher ist sicher
2x Fahrradflaschen Gehalten in meinen Tune Flaschenhaltern. Der Tune Rechts-/Linksträger ist ein echter Geheimtipp, wenn es im Rahmen aufgrund Rahmentaschen oder Lampenakku eng wird und man die Flasche in einen normalen Halter nicht mehr rein-/rausschieben kann. Zudem super leicht.
Brevetkarte, Höhenprofil, Beschreibung Kontrollstellen und Streckenbeschreibung
Akkupowerbank zum Nachladen von Garmin / Handy während der Fahrt (ich habe ein ZNEX Notstrøm, das wie eine Minipumpe in eine Rahmenhalterung am Flaschenhalter gesteckt wird)
Multitool (inkl. Kettennieter) und Reifenheber
Minipumpe mit Rahmenbefestigung
Kabelbinder Damit lässt sich so ziemlich alles provisorisch reparieren 😉
Gels, Riegel, Isopulver Lieber etwas mehr als zu wenig
Kleine Sonnencreme Zum Nachcremen unterwegs bei Bedarf am zweiten Tag
Stirnlampe inkl. Batterien Für Reparaturen bei Nacht oder zur Orientierung an den Kontrollstellen
Bikepacking Satteltasche Bei mir hat sich das Modell von Ortlieb (absolut wasserdicht) bestens bewährt
Lupine Piko + LED Heckleuchte Die Lupine Modelle sind über jeden Zweifel erhaben und bei vielen Randonneuren beliebt (We are the Light)
USB-/Lightning-Kabel für Verbindung Handy/GPS mit Powerbank
Reflektorveste-/Gurt für den Oberkörper Pflicht bei Brevets bei schlechten Sichtbedingungen / Dunkelheit
Kleiner Stift Zur Erfassung der Zeiten an den Kontrollstellen auf der Brevetkarte
Kleine Packung Feuchttücher Bei Bedarf als Toilettenpapier (Hygiene am Allerwertesten ist der Schlüssel zu schmerzfreiem Langstreckenradeln) oder zur Reinigung der Hände nach Reparaturen
Fahrradbrille Mit selbsttönenden Variogläsern, damit man Nachts auch noch etwas sieht
Kettenöl Hatte ich nicht dabei – ein kleines Fläschchen davon hätte mir aber den Stopp im Radladen erspart
Kleines Stück Lappen Siehe Kettenöl…
Bargeld, EC-/Kreditkarte Auf jeden Fall auch ein paar Münzen für Getränkeautomaten einpacken 😉
Flickzeug Falls auch der letzte Ersatzschlauch aufgebraucht ist
Ersatzmantel Zum ersten Mal gebraucht bei „Belchen satt“ – aber unendlich froh gewesen ihn dabei zu haben
Bremsbeläge Ich hatte auf der Strecke keine Probleme, hatte aber vorsichtshalber aufgrund der langen Abfahrten welche dabei – wenn das Wetter entsprechend ist, kann es einem schnell die Beläge runterhobeln
Dünne Einweggummihandschuhe Für Reparaturen oder zum Überziehen bei Kälte