Everesting – Don’t stop when you’re tired. Stop when you’re done.

Everesting hoch zur Langmartskopfhütte / 337,2km / 9.251 Höhenmeter / a real challenge

Motivation

Die sportliche Saison, wie ich sie eigentlich einmal geplant hatte, hat sich dank SARS-CoV-2 leider komplett in Luft aufgelöst. In Anbetracht der gesundheitlichen, ökonomischen und gesellschaftlichen Auswirkungen ist die Absage von Radsportveranstaltungen und damit der Einfluss auf mein sportliches Hobby ganz sicher nur von untergeordneter Bedeutung. Das Stecken von ambitionierten sportlichen Zielen, die Vorbereitung darauf und am Ende auch deren Verwirklichung bestimmt aber einen nicht unwesentlichen Teil meines Alltags und macht mich ganz platt formuliert im Paket mit einem abwechslungsreichen Familienleben und einem herausfordernden Job glücklich.

Und wenn in diesem Dreiklang ein Aspekt nachhaltig gestört ist, dann muss gehandelt werden…

Meine großen Ziele (Italy Divide Anfang Mai, 24h MTB EM in Tschechien, 24h Rad am Ring) sind nachvollziehbarer Weise alle abgesagt. Insofern braucht es zumindest kurzfristig andere Motivatoren, um das Training durchzuziehen. Und meine Suche nach sportlicher Motivation, die sich ohne Reisen verwirklichen lässt und kompatibel mit den aktuellen Kontakteinschränkungen ist, hat mich zum Everesting geführt.

Dabei sucht man sich einfach einen Anstieg und fährt diesen so häufig hoch und wieder runter, bis man das Äquivalent zur Höhe des Mount Everest (8848m) kumuliert hat. Ihren Ursprung hat diese mehr oder weniger sinnvolle Freizeitbeschäftigung in Australien. Und wer in die offizielle Everesting Hall of Fame aufgenommen werden möchte, der sollte sich an die Regeln der Australier halten: https://everesting.cc/the-rules/

Damit das Ganze nach einem Everesting nicht an Reiz verliert, gibt es dabei noch verschiedene Varianten, die einem nach und nach zusätzliche Badges in der Hall of Fame einbringen. Mein erstes Everesting habe ich am 8. März noch vor dem Lockdown als reine Saisonvorbereitung auf der Straße absolviert (https://bit.ly/35nVMK4). Aber nachdem klar war, dass die „echten“ Rennen abgesagt sind, habe ich mich als Mountainbiker natürlich gleich nach einer Wiederholung abseits geteerter Wege und dem damit verbundenen Soil-Badge gesehnt 😉

 Strecke und Vorbereitung

Der Entschluss kam nach anfänglicher sportlicher Orientierungslosigkeit im Corona-Lockdown allerdings relativ kurzfristig. Der Empfehlung eines Freundes folgend, habe ich eine Strecke in der Nähe von Bad Wildbad im Schwarzwald auserkoren (https://www.strava.com/activities/3314178943).

StravaSegment
Quelle: Strava

Vom Eyachtal geht es dabei ca. 6km und 330hm hoch zur Langmartskopfhütte, was einer durchschnittlichen Steigung von nur 5% entspricht. Da wenig Zeit von der Entscheidung bis zur Ausführung war und die Strecke mit dem Auto ca. 1 Fahrstunde von meinem Wohnort liegt, habe ich darauf verzichtet mir die Verhältnisse vor Ort vorher anzuschauen. Mutig oder dumm? Rückblickend wohl eher letzteres 😉 Aber neben der Strecke, hat der Tag auch noch die ein oder andere Überraschung bereitgehalten.

Da die Zeit unmittelbar vor dem Event beruflich auch alles andere als entspannt war und die komplette Equipmentvorbereitung am Vorabend stattfinden musste, bin ich am Freitag 17.4. mit einem ordentlichen Schlafdefizit nach nur drei Stunden um 4 Uhr morgens wieder aufgestanden, um mein Frühstück zu „genießen“ und mit dem Auto zum Startpunkt zu fahren. Die Entscheidung für einen Wochen- und damit Urlaubstag ist dabei bewusst gefallen, um während dem Everesting in Zeiten von #socialdistancing möglichst wenig anderen Freizeitverkehr auf meiner Everestingstrecke zu haben. Auf eine Vorankündigung auf facebook & Co habe ich deshalb auch verzichtet. Nur meine Familie und mein witttraining ORBEA Team wissen natürlich Bescheid.

Es geht los

Und so führe ich mein Orbea OIZ M-LTD mit dem Sonnenaufgang um kurz nach 6 Uhr das erste Mal seiner Bestimmung abseits geteerter Straßen zu. Die ersten Meter fühlen sich komisch an, da die Steigung sehr gering ist und es auf dem Schotter hier wunderbar rollt. Fast so, als würde es gar nicht bergauf gehen. Es ist zwar mit 4-5 Grad noch sehr kalt, aber die wenigen Wolken und die aufziehende Morgenröte versprechen wunderbares Wetter und meine Motivation lässt nicht zu wünschen übrig.

So fliegt die erste Hälfte der Auffahrt nur so dahin und ich folge an den Abzweigungen meinem vorbereiteten GPS Track. Die anfängliche Euphorie zur Beschaffenheit des Schotterbelags lässt aber schnell nach, als ich im zweiten Teil des Anstiegs auf sehr groben Belag stoße, der zum einen unangenehm holpert und zum anderen überhaupt nicht rollen will. Die ersten paar Auffahrten ist das noch gar nicht so tragisch. Aber umso länger ich unterwegs bin, umso zäher werden diese Abschnitte und ich bin heilfroh, dass mein OIZ mit der Vollfederung alles gibt, um Gesäß und Rücken auf diesen Abschnitten zu entlasten. Sowieso muss ich sagen, dass das Material die Prüfung wunderbar bestanden hat. Auch die Wolfpack Speed Bereifung war genau die richtige Wahl.

Nach den ersten paar Auffahrten fange ich im Geiste an die bisherigen Rundenzeiten hochzurechnen und stelle fest, dass das ein richtig langer Tag wird. Die geringe Durchschnittssteigung von nur 5% führt dazu, dass für das Erklimmen des Everests über 330km zu fahren sind – und das fordert auf Schotter und unter den verschärften Belagsbedingungen einfach seine Zeit. Es wird mir schnell klar, dass das Ende der Tour wohl erst nach Mitternacht zu erwarten ist. Um mir die Zeit zu vertreiben, habe ich extra mein Ultracycling Headset am Helm montiert. Die Idee ist, dass ich den Tag dafür nutze, endlich mal wieder alte Freunde abzutelefonieren. Doch daraus wird leider gar nichts. Auf der kompletten Strecke gibt es nur am oberen Wendepunkt minimalen Handyempfang (von UMTS ganz zu schweigen) so dass ich auch nach Hause nur alle paar Stunden ein Lebenszeichen per SMS funken kann. Die Unterhaltung beschränkt sich somit auf Podcasts, die ich offline auf dem Handy habe. Umso mehr freut es mich, als Patrick Krauth aus meinem Rennteam am Nachmittag auftaucht und mir für eine Auffahrt Gesellschaft leistet.

Vor allem, da ich zu dieser Zeit erst stark die Hälfte der Strecke geschafft habe und klar ist, dass das Ganze noch richtig zäh und lang wird. Frisch vom Teamkollegen motiviert und von der Mittagssonne verwöhnt geht es danach doch wieder etwas leichter von der Hand und dem Abend entgegen. Kurz vor der Abenddämmerung kommt mit Thorsten Witt noch die zweite Überraschung – mein Teamchef – an die Strecke. Er hat extra Bike, Verpflegung und Beleuchtung ins Auto geladen und fährt einige Runden mit mir in die anbrechende Nacht. Von Patrick und Thorsten erfahre ich, dass auch Thomas Georg mit Nachwuchs an die Strecke kommen wollte, aber mangels Internetempfang den Weg zu mir nicht gefunden hat. Vielen Dank euch dreien für den Support (ein paar der Bilder verdanke ich auch nur eurem Besuch)!!

Als es spät wird, muss Thorsten uhrzeitbedingt nach Hause, aber auch die Temperaturen, die wieder in den niedrigen einstelligen Bereich abfallen, passen nicht mehr zu seiner Klamottenauswahl. Und so bin ich wieder alleine auf weiter Flur. Es ist stockdunkel, da mondlos, und mich beschleicht doch des Öfteren ein etwas mulmiges Gefühl alleine ohne Handyempfang im Black Forrest meine Kreise zu ziehen. Vor allem, da der Wald seinem Namen alle Ehre macht und es im Dunkeln mit der Geräuschkulisse eines kleinen Bachlaufs und dem Rascheln im Wald ganz schön spooky ist.

Zum Glück kenne ich die Strecke in der Zwischenzeit in und auswendig. Trotzdem ist jetzt erst recht volle Konzentration auf den Abfahrten gefragt, da im Dunkeln die Wildwechsel zunehmen und ein Zusammenprall mit Rotwild oder auch nur einem kleinen Hasen bei über 50km/h für Wild und Mensch ganz sicher kein erstrebenswertes Erlebnis sind. Aber es geht alles gut und als es in die letzten vier Auffahrten geht, setzt so langsam die Euphorie des Endspurts ein… Schon witzig, wie sich bei langen Strecken „nur noch 1.200 Höhenmeter“ plötzlich kurz und überschaubar anhören…

Doch die Euphorie findet ein jähes Ende, als das Bike im Wiegetritt in der Auffahrt plötzlich mehr nachgibt als es sollte. Ein kurzer Check entlarvt das Problem. Plattfuß am Hinterrad. 😦 Ich habe zwar Ersatzschlauch und Pumpe am Mann, aber die Aussicht auf die Reparatur ohne Standpumpe lässt mich doch die Auffahrt abbrechen und zum Auto am Fuß des Anstiegs zurück kehren. Ein Platten ist zwar eigentlich überhaupt kein Problem, aber in meinem aktuellen mentalen Zustand, der von Einsamkeit, Dunkelheit und Erschöpfung geprägt ist, ergreift mein Gehirn den angebotenen Strohhalm der Situation zu entfliehen sofort und formt daraus die Exitstrategie das Everesting wegen Defekt abzubrechen. Wieder am Auto angekommen muss ich mehrmals tief durchatmen und mir ins Gedächtnis rufen, warum ich den „Spaß“ hier eigentlich mache und meinen Urlaubstag nicht gemütlich vor dem Fernseher auf der Couch verbringe… Das zieht… und die Finger finden doch den Weg zum Werkzeug.

Besonders ärgerlich, dass der Platten auch noch absolut selbst verschuldet ist. Der Wolfpack Speed saß bei der Erstmontage schon ohne Dichtmilch so perfekt auf der Felge und hielt die Luft, dass ich aus Gewichtsgründen nur ein paar Milliliter Dichtmilch eingefüllt habe. Das ist einfach zu wenig, selbst um das nur kleine Loch auf der Lauffläche (wahrscheinlich durch einen Dorn entstanden) zu schließen. Im Kofferraum habe ich zum Glück noch eine kleine Flasche Tubeless Sealant und Werkzeug, um den Ventilkern zu entfernen. Und so bekomme ich ohne einen Schlauch einzuziehen den Reifen wieder dicht und mache mich auf zu den letzten Auffahrten. Vor der letzten Runde ist dann zwar noch die Batterie des Powermeters leer, aber das kann mich dann auch nicht mehr nachhaltig beeindrucken 😉 und ich nehme nochmal alle Konzentration für die letzte Abfahrt zusammen.

Wieder am Auto angekommen bin ich einfach nur glücklich. Glücklich die Challenge überhaupt angenommen zu haben, glücklich sie trotz aller Umstände durchgestanden und erfolgreich beendet zu haben und dankbar über die Unterstützung von Familie und Teamkollegen. Nachdem ich die tiefe Befriedigung mit der frischen Nachtluft in vollen Zügen inhaliert habe, ist es allerdings auch schon 2 Uhr morgens und ich packe alles wieder ins Auto, um den Heimweg anzutreten. Die Option mich im Kofferraum einfach unter eine Decke zu legen ist zwar auch verlockend, aber ohne Handyempfang und damit der Chance beraubt eine SMS nach Hause zu schicken, um Bescheid zu geben, auch keine echte Alternative.

Die Challenge nach der Challenge

Als alles im Auto verstaut ist, kommt also ein Redbull griffbereit in den Cupholder der Mittelkonsole und ich drehe den Schlüssel im Zündschloss und – es – passiert – nichts…

Auch weitere Versuche festigen nur die unausweichliche Erkenntnis: das häufige Auf-/Abschließen des Autos über den ganzen Tag verteilt, um Getränke und Verpflegung nachzufüllen, gepaart mit der Kälte der Nacht und dem jeweils für ein paar Minuten brennenden Innen- und Außenlicht des Autos, haben der sowieso schon schwachen Batterie den Garaus gemacht. Der Frust sitzt tief. Im ersten Moment weiß ich überhaupt nicht was ich tun soll. Um diese Zeit findet sich mitten im Wald schließlich niemand, um einem Starthilfe zu geben. Vor allem wenn man noch mit einbezieht, dass ich sowieso nicht ganz legal hier stehe. Die Zufahrt ist eigentlich nur für forstwirtschaftlichen Verkehr freigegeben…

Mein nächster Gedanke den ADAC zu rufen entfacht zwar einen Funken Hoffnung, aber ohne Handyempfang auch recht schwierig. Also bleibt mir nichts Anderes übrig, als mir die klamme Fahrradjacke und die Fahrradschuhe wieder anzuziehen, das Fahrrad wieder auszuladen, und mich auf den Weg zur 5km entfernten Eyachmühle zu machen und zu hoffen, dass es dort Handyempfang gibt. Meine Begeisterung hält sich in Grenzen, aber einfach hier zu bleiben, ist leider auch keine Option. An der kleinen Häuseransammlung angekommen finde ich einen Standort, an dem ich zumindest ein bis zwei Striche Empfang ergattern kann und rufe den ADAC zur Mühle. Um in den 50 Minuten Wartezeit bis zum Eintreffen des Gelben Engels bei nur 4 Grad nicht zu erfrieren, bleibt mir nichts Anderes übrig, als mir mit Kniebeugen und Liegestützen die Zeit zu vertreiben. Mit etwas Galgenhumor gar kein schlechter Ausgleich für die Rumpfmuskulatur nach der einseitigen Belastung die Stunden davor… Zum Glück ist der Retter in der Not auch noch bereit mich im ADAC-Auto wieder mit zu meinem Caddy zu nehmen und den Forstweg zur Rettungsgasse umzuwidmen, und so bin ich um kurz vor 4 Uhr morgens nach erfolgreicher Starthilfe endlich auf dem Heimweg. Ende gut alles gut 🙂

Epilog

Vorbereitung / Strecke

Ganz sicher kein Everesting mehr ohne vorherigen Streckencheck! Hätte ich mir die Strecke vorher angesehen, hätte ich mich sicher für eine steilere Strecke mit besserem Belag und Handyempfang entschieden. Die Dauer fürs Everesting wäre dadurch deutlich gesunken und der Sicherheitsfaktor wesentlich gestiegen. Da es auf www.everesting.cc noch einige Badges für anders charakterisierte Strecken gibt, war das sicher auch nicht mein letzter Tag mit 8.848 Höhenmetern 😉

Material

Zuerst einmal vielen Dank an meine Sponsoren und das Team. Es war erst meine dritte Fahrt auf dem Orbea OIZ (1x Everesting auf der Straße, 1x Training), aber dank dem guten Fahrwerk und der perfekten Einstellung durch Thorsten beim Bike Fitting hatte ich über den gesamten Verlauf überhaupt keine Probleme mit Knien oder dem Rücken. Einfach top!

Auch die Wolfpack Speed Bereifung von Wolfgang Arenz hat sich voll bewährt. Nach dem Everesting auf der Straße und den über 330km Schotter an diesem Tag immer noch kaum Abnutzungsspuren. Das gepaart mit guter Traktion und einem top Gewicht machen den Reifen für mich zur Allzweckwaffe für weitere Einsätze. Auch wenn ich sicher das Risiko in Zukunft mit einer gebräuchlichen Dosis von 60ml Dichtmilch pro Reifen deutlich reduzieren werde 😉

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