Superrandonnée Belchen satt – Auf und nieder immer wieder

Vergangene Woche habe ich ein paar freie Tage zwischen zwei Familienurlauben genutzt, um die 620km und 12.000 Höhenmeter der Superrandonnée „Belchen satt“ unter die Räder zu nehmen. Wie jedes längere Brevet ein kleines Abenteuer, das einen dem straff durchorganisierten Tagesablauf entreißt und körperlich und mental einen Kontrapunkt zum Alltag setzt. In diesem Blogbeitrag möchte ich das Erlebte in mein digitales Gedächtnis brennen und die Vorbereitung, Höhen/Tiefen und weitere Eindrücke mit euch teilen. Für die Randonneure unter euch befindet sich am Ende auch noch meine Packliste zur Inspiration. Eine Warnung gleich vorweg: der Bericht ist analog zur Tour etwas länger geraten 😉

Die Strecke

Organisiert wird die Superrandonnée „Belchen satt“ von der ARA Breisgau. Es handelt sich dabei um eine sogenannte „Permanente“. D.h. man kann die Strecke ganzjährig angehen. Die Organisatoren Walter und Urban stellen hierzu einen GPX-Track, Routenbeschreibung, Höhenprofil und eine Brevetkarte zur Verfügung. An vordefinierten Kontrollstellen dokumentiert man das eigene Vorankommen mit Fotos, die als Nachweis zur Befahrung der Strecke dienen, und trägt die Durchfahrzeiten in seine Brevetkarte ein. Die Strecke startet und endet in Freiburg und führt durch die eindrucksvolle Landschaft des Südschwarzwaldes, des Schweizer Jura und der Vogesen.

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Quelle: Trackaufzeichnung aus Garmin Connect

Details zum Brevet finden sich allesamt auf der Veranstaltungshomepage:

https://www.ara-breisgau.de/superrandonnee/

Der Name „Belchen satt“ leitet sich dabei von den vielen „Belchen“ bzw. „Ballons“ ab, die man überquert. Zitat dazu von der ARA Breisgau Seite:

Wie der Name schon sagt, führt die Strecke über alle namhaften Belchen (frz.: Ballon) rund ums Dreiländereck, sechs Stück insgesamt:

Deutscher Belchen, Schweizer Belchen, Ballon de Servance, Ballon d’Alsace, Grand Ballon, Petit Ballon

Dazu kommen noch etliche andere, teilweise höchst knackige Anstiege. Der höchste zu befahrende Punkt ist auf dem Chasseral erreicht (1600 m).

Für ein Brevet sind die stark 600km nicht ungewöhnlich. Die besondere Herausforderung der Strecke ergibt sich hingegen durch die vielen Höhenmeter (ca. 12.000), die zum Teil auf extrem steilen Auffahrten und abgeschiedenen Passsträßchen gesammelt werden.

Das ist landschaftlich und aufgrund des fast nicht vorhandenen Autoverkehrs sehr reizvoll. Diese Abgeschiedenheit und Idylle verdient man sich aber hart bei steilsten Rampen bergauf wie bergab und teils zweifelhaftem Straßenbelag. Beides – vor allem in Kombination – stellt einen vor allem in der Nacht vor die ein oder andere Herausforderung bzw. erforderte deutlich mehr Konzentration als es bei einem flachen Brevet der Fall ist.

 

Wieso/Weshalb/Warum

Diese Frage lässt sich auch kurz mit „Warum nicht?“ beantworten 😉 Etwas tiefer in der eigenen Motivation gegraben ist es wohl eher die Lust am Abenteuer bzw. daran etwas Außergewöhnliches zu erleben. So wie Jugendliche das erste Mal wider alle Vernunft eine Nacht durchmachen, so triggert die Grenzüberschreitung bei mir wohl immer noch eine kindliche Freude. Und wie bei jeder Droge, so muss auch hier langsam die Dosis (sprich Kilometer/Höhenmeter) gesteigert werden, damit sich ein veritabler Rausch einstellt 🙂

Und um die Sucht zu befriedigen, habe ich mich in 2018 wieder für einige längere Events angemeldet. Unter anderem zum Race Across the Alps (RATA) dem 24h-Rennen in Schötz und der Extremdistanz bei der Salzkammergut Trophy. Vor allem das Race Across the Alps (RATA) und die Salzkammerguttrophy warten mit richtig vielen Höhenmetern auf die Ausdauerjunkies. Und so habe ich für die Vorbereitung im Frühjahr auch nach einem Brevet mit vielen Höhenmetern Ausschau gehalten und bin dabei über „Belchen satt“ gestolpert. Die Pfingstferien hatten wir für Familienurlaub sowieso schon frei genommen und zwischen dem Santana Tandemtreffen in Bamberg und unserer Kreuzfahrt in der Ägäis war mit vier Tagen gerade genug Zeit, um mit An- und Abreise nach Freiburg einen Ausdauervollrausch einzuplanen und für die kommenden Herausforderungen des Sommers adäquat vorzuglühen.

Vorbereitung

Da das Zeitfenster klein und unflexibel war, konnte ich allerdings auch keinen Mitstreiter gewinnen, und musste das Abenteuer solo in Angriff nehmen. Das war in der Vorbereitung auch meine größte Sorge, da ich nicht einzuschätzen wusste, wie hart mich die Einsamkeit des Schweizer Jura oder der Vogesen mitten in der Nacht mental treffen würde.

Bzgl. Material habe ich auch als Test fürs RATA noch zwei Veränderungen an meinem Rennradsetup vorgenommen. Erstens wurde der Aeroauflieger gegen die deutlich leichteren Spirgrips Innerbarends (http://www.spirgrips.com) ausgetauscht. Und zweitens habe ich die Übersetzung am Rennrad auf steigungsfreundliche 50/34×11/34 umgestellt. Letzteres auch inspiriert durch die Streckenbeschreibung auf der Website und Berichte anderer Finisher der „Belchen satt“, die alle eines gemeinsam hatten: Klagen über Hochprozentiges 🙂

Darüber hinaus war nur eine Unterkunft für die Nacht vor-/nach dem Brevet (https://www.booking.com/hotel/de/theater-am-eck.de.html) und das Zugticket zu ordern. Die Unterkunft ist sicher kein Geheimtipp und die Zimmer winzig, aber mit etwas Experimentierfreude habe ich es sogar geschafft, das Rennrad im Zimmer unterzubringen. Und bei 69,-€ für 3 Nächte im Zentrum von Freiburg sollte man auch keinen großen Luxus erwarten.

Ernährung

Ich wollte das Brevet zwar nicht im Rennmodus fahren, sondern mir unterwegs auch immer wieder Zeit für Fotos oder eine Leckerei am Weg nehmen, aber bzgl. Verpflegung trotzdem ziemlich autark sein. Erstens hatte ich mich im Vorfeld nicht mit den Verpflegungsmöglichkeiten am Weg beschäftigt und zweitens ist es gar nicht so einfach Kohlenhydrate in ausreichender Menge zu sich zu nehmen ohne den Magen massiv zu belasten. Da ist es doch am einfachsten man setzt auf bewährtes. Und je abgelegener die Routenführung bzw. je später in der Nacht, desto schwieriger wird es, überhaupt noch etwas aufzutreiben. Deshalb war meine Satteltasche zu Beginn der Reise neben Kleidung, Werkzeug und Ersatzteilen auch randvoll gefüllt mit Kalorien.

 

Den Start hatte ich auf 06:00Uhr morgens geplant, damit ich möglichst viele Kilometer bei Tageslicht bereits am ersten Tag abspulen konnte. Und da ich wenig optimistisch war davor ein feudales Frühstück aufzutreiben, gab es vor dem Start noch schnell 600kCal aus dem Ensure Plus Tetrapack im Hotelzimmer.

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Frühstückssnack 1,5kCal/ml

 

Am 24.05. drücke ich somit pünktlich um 6 am Martinstor in Freiburg den Startknopf auf meinem Garmin und starte ins Abenteuer. 32h 34min später wieder am selben Ort angekommen, wird das Garmin über 17.000kCal gesammelt haben. Die Verpflegung auf der Strecke zusammengenommen, habe ich ca. 7.000kCal zugeführt, so dass die restlichen 10.000kCal (abzüglich ~2.000kCal Muskel-/Leberglykogen) wohl irgendwo aus den unerschöpflichen körpereigenen Fettspeichern bedient wurden. Jeden der jetzt denkt, das wäre als Diät geeignet, möchte ich gleich enttäuschen. Das entspricht gerade einmal stark einem Kilogramm Körperfett. Und wer die Fressattacken nach einem solchen Event kennt, der weiß auch, dass der Körper sich auch das schnell wieder zurück holt 😉

On the road / Höhen / Tiefen

Kaum ein paar Meter vom Martinstor losgefahren hält der Track schon die erste Herausforderung bereit. In welche Richtung soll man den Rundkurs aus Freiburg heraus fahren? Also schnell nochmal angehalten und auf meiner Backupnavilösung Komot auf dem Handy nachgeschaut, die den Track inklusive kleinen Richtungspfeilen visualisiert. Eines der wenigen fehlenden Features an meinem Garmin…

Sicher jetzt auf dem richtigen Kurs zu sein, trete ich motiviert in die Pedale und erklimme gleich die ersten 900hm auf den Schauinsland und danach über den Hohentann auch gleich noch den Belchen.

Die Wetterlage am frühen Morgen zaubert dabei eine ganz besondere Stimmung:

Die Straße ist zwar patschnass von den Regenfällen der vergangenen Nacht, aber von oben ist alles trocken. Und so begehe ich den Fehler, mich nach den wärmenden Auffahrten, auch gleich die ersten langen Abfahrten in kurzer Hose hinabzustürzen. Da die Temperatur dabei unter 10° Celsius sinkt, heraufspritzende Nässe die kompletten Beine einhüllt und der Windchilleffekt sein Übriges beiträgt, wird es den Knien gleich einmal zu kalt und sie fangen bei der nächsten Auffahrt zum Tiergrüble schon an zu zwicken. Gar nicht gut, wenn man noch über 550km vor sich hat. Das Kopfkino beginnt, und ich male mir schon aus, wie ich kaum in der Schweiz ankommen schon nach einem Bahnhof für die Heimfahrt Ausschau halten muss.

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Kontrollstelle Tiergrüble

Zum Glück falscher Alarm. Je näher ich der Schweizer Grenze komme und je tiefer ins Tal, desto wärmer wird es und auch die Straßen trocknen ab. Und mit der Wärme laufen auch die Knie wieder geschmeidiger und ich verdränge die pessimistischen Gedanken.

In Laufenburg beim Überqueren der Schweizer Grenze ist das Wetter dann schon richtig sonnig und es folgen 20-30km, die sich mit nur leichter Steigung das Tal hinaufziehen. Kaum ist alles richtig trocken, macht sich bereits ein weiterer Effekt der vorhergehenden Nässe bemerkbar. Das heraufspritzende Wasser auf den ersten 100km hat die Kette ziemlich ausgewaschen und das Gleitmittel durch feinen Sand der Schwarzwälder Straßen ersetzt. Die Option den Rest der Strecke mit knirschender Kette zurückzulegen verwerfe ich schnell und halte bei den nächsten Ortsdurchfahrten die Augen nach einem Radladen offen. Und wie gerufen kommt in Balsthal ein Intersport mit Radwerkstatt, dessen Schraubercrew meinem gequälten Antriebsstrang in schönstem Schweizerdeutsch die dringend nötige Zuwendung gewährt. Die Jungs von www.sporthus.ch sind klasse und möchten nicht einmal ein Trinkgeld annehmen, bevor sie mich wieder auf den sonnigen Kurs schicken.

Jetzt folgen einige Kilometer, die auf dem Höhenprofil mit nur kurzen Anstiegen gar nicht spektakulär wirken, es aber mit steilen Rampen mit bis zu 20% Steigung ganz schön in sich haben. Ich bin heilfroh, dass ich mich für die Kinderübersetzung 34×34 entschieden habe, sodass ich alles fahren kann. Mit den Rennradschuhen wäre Schieben sowieso keine echte Option gewesen. So vergeht der sonnige Nachmittag wie im Flug und ich erklimme einen Gipfel nach dem anderen und tränke das Oberrohr mit Schweiß, als die Temperaturen bis auf 30° ansteigen. Nach Überquerung von Chilzimmersattel, Weissenstein und einiger weiterer kleinerer Anhöhen erreiche ich gegen 18:00Uhr mit dem Chasseral den höchsten Punkt der Route (1.598m) und genieße die wunderschöne Aussicht.

In La Goule bei Kilometer 276 passiere ich die letzte Kontrollstelle bei Tageslicht und fahre auf kleinsten Straßen weiter in Richtung Frankreich.

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Kontrollstelle La Goule

Die Grenze aus der Schweiz nach Frankreich ist dann auch so unscheinbar, dass ich sie in Gedanken versunken gar nicht wahrnehme. Denn als ich irgendwann denke, dass es langsam Zeit wird für einen Abendsnack stelle ich fest, dass die Autos in der nächsten Ortschaft bereits französische Nummernschilder tragen. Das passt prima, da ich sowieso keine Schweizer Franken dabeihabe und als guter Schwabe beim Anblick der Preise in Schweizer Restaurants sowieso einen Herzinfarkt bekomme. Meinen Wassernachschub hatte ich seit Erreichen der Schweiz somit auch aus öffentlichen Brunnen gedeckt    .

So lange das Wasser kalt daraus hervorfließt und ein kurzer Geschmackstest positiv verläuft gehe ich optimistisch davon aus, dass es nicht nur im Kreis gepumpt wird und halbwegs genießbar ist. Auch wenn Gemeinden gerne abschreckende Schilder (kein Trinkwasser, nicht kontrolliert, …) daran anbringen. Auf den nächsten Kilometern genieße ich noch die Abendsonne.

So lege ich irgendwo in der Nähe von Charmauvillers beim Einbruch der Dämmerung eine Pause zum Abendessen ein und lasse es mir bei zwei Stück leckerem hausgemachten Kuchen gut gehen.

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Abendessen – hausgemachter Apfelkuchen

Die Pause nutze ich auch gleich, um mich für die Nacht wärmer anzuziehen und auch die Beleuchtung am Fahrrad gut auszurichten. Gleich vorweg, die Lupine Piko 7 hat mich auch dieses Mal wieder nicht enttäuscht und mit einer Akkuladung die gesamte Nacht durchgehalten – „We are the Light“ ist bei Lupine tatsächlich mehr als ein schicker Werbeslogan.

So radle ich frisch gestärkt, warm angezogen und voll motiviert in die Nacht und freue mich darüber, dass der Himmel relativ klar ist und abseits der großen Ortschaften die Sternen am Firmament voll erstrahlen. Irgendwo vor Glainans passiert es dann. Ich bin in mein GPS vertieft, um herauszufinden, wann die nächste Kontrollstelle ansteht, und achte dabei nicht auf die Straße, die zu diesem Zeitpunkt eigentlich ganz ordentlich ist. Es macht plötzlich rums, der Lenker springt mir fast aus der Hand, und eine zehntel Sekunde später gibt mir auch das Hinterrad einen herben Schlag auf den Allerwertesten begleitet vom lauten Zischen der sofort entweichenden Luft meines Hinterreifens.

Mist, Mist, Mist, kurz unachtsam und dann gleich sowas – ein tiefes Schlagloch hat mich in voller Fahrt unerwartet gebremst. Ich halte schnell an und überprüfe, ob auch der vordere Reifen Luft verliert – negativ – wenigstens das – nur ein Schlauch zu wechseln. Ein erneuter kurzer Blick aufs Navi erhärtet meinen Verdacht, dass keine Ortschaft in der Nähe ist und eine Reparatur auf freiem Feld ohne Straßenbeleuchtung ansteht. Also die ganze Fuhre rechts von der Straße auf die taunasse Wiese gepackt und zuallererst die Stirnlampe aus der Satteltasche gekramt, um wenigstens etwas zu sehen.

Schnell ist einer der drei Ersatzschläuche, die ich dabeihabe, eingezogen und das mühsame Aufpumpen mit der Minipumpe beginnt. Der Reifen ist schon richtig prall, als mir beim Pumpen auffällt, dass der Mantel wohl auch etwas abbekommen haben muss. Der Schlauch drückt an einer Stelle schon eine richtige Blase durch die aufgerissene Seitenwand des Mantels. Nur zu gut, dass ich auch einen Ersatzmantel im Gepäck habe. Also Luft wieder raus, Ersatzmantel mit nächstem Schlauch aufgezogen und die Pumperei geht von vorne los. Und Pumpen heißt in diesem Fall mindestens 6-7 bar in den Reifen zu pressen, damit Durchschläge bei der Straßenqualität nicht alle paar Kilometer auftreten. Meine schmächtigen Radlerarme werden schon ganz taub, als endlich genug Druck im Reifen ist und ich die Pumpe (die mit Schraubverschluss auf dem Ventilgewinde befestigt wird) wieder vom Schlauch abdrehe. Beim ersten Zischen denke ich mir noch nichts, aber als mit einem Schlag der Reifen wieder komplett leer ist wird mir klar, dass sich das Sclaverandventil gemeinsam mit der Pumpe vom Ventilstutzen gelöst hat. Mist, Mist, Mist, das kann doch wohl nicht wahr sein. Ventil also wieder in den Ventilstutzen eingedreht und dieses Mal die Pumpe besonders sorgsam ohne jedes Verkanten montiert und die Pumperei beginnt von neuem. Ich mache es kurz…auch die kommenden zwei (oder waren es drei) Versuche führen zum selben Ergebnis. Immer beim Ablösen der Pumpe löst sich auch das Ventil vom Schlauch und die gesamte Mühe verpufft sprichwörtlich mit einem kurzen Zischen in der Atmosphäre. Das Kopfkino rattert und einsetzende Erschöpfung und Frustration helfen auch nicht gerade beim klar denken. Ich bin kurz davor den ganzen Bettel in die Wiese zu pfeffern und mich in meine Rettungsdecke gehüllt dazu zu legen und darauf zu warten, bis es am Morgen wieder hell wird, da ich in diesem Moment glaube, dass es ein Problem mit der Pumpe ist und ich mitten in der Nacht sowieso keine andere aufgetrieben bekomme.

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Reparatur läuft nicht mitten in der Nacht – Schluss mit lustig…

Aber ein Brevet ist eine Prüfung…und was wäre eine Prüfung, bei der alles glatt läuft. Also nochmal tief durchgeatmet und die Gedanken neu sortiert. Evtl. liegt es ja doch nicht an der Pumpe, sondern am Schlauch. Also Schlauch raus und den nächsten Ersatzschlauch eingefädelt. Eine ermüdende Pumporgie später mache ich drei Kreuze und halte selbst die Luft an, als das Ventil seiner eigentlichen Bestimmung beim Abziehen der Pumpe nachkommt und die Luft im Reifen hält. Zwischenprüfung bestanden – es kann wieder weitergehen. Also das nasse Equipment wieder von der Wiese eingesammelt, am Rad verstaut und weiter geht die wilde Fahrt. Ab jetzt tatsächlich etwas wilder, da das Hinterrad einen vermeintlich extremen Höhenschlag abbekommen hat, der bei jeder Radumdrehung einen spürbaren Impuls gehn Sattel sendet. Im Tageslicht am nächsten Morgen sollte sich dann herausstellen, dass der Mantel an einer Stelle tiefer im Felgenbett saß. Das ließ sich aber auch mit erneutem Luftablassen, Mantel ausrichten und Aufpumpen nicht beheben (erst zu Hause hat ein kurzes Erhöhen des Reifendrucks auf 9bar mit der Standpumpe den Mantel korrekt ins Felgenbett springen lassen).

Die nächsten Kontrollstellen Glainans, Lure und den Ballon Servance passiere ich dann bei Dunkelheit.

Die Fahrt läuft gut, die Beinchen schnurren und ich bekomme auch keine Probleme mit der Müdigkeit. Aber der Flüssigkeitsnachschub wird zunehmend schwierig. Als ich in Lure um ca. 1Uhr morgens an einer Tankstelle versuche nachts an Cola aus dem Automat zu gelangen, stelle ich leider fest, dass mein Kleingeld nur für eine 0,5Liter Flasche reicht. Als ich ein junges Mädel beim Betanken ihres Autos unvermittelt in einem Kauderwelsch aus Englisch und Französisch anspreche und nach Kleingeld zum Wechseln frage, bekommt sie glaube ich den Schreck ihres Lebens – und kann mir leider auch nicht weiterhelfen. Zum Glück sehe ich in Lure, wie ein Besitzer gerade seine Bar zu macht und kann ihn dazu überreden meine Flaschen mit Leitungswasser aufzufüllen. Das nächste Mal laufe ich völlig trocken bevor es in die Auffahrt zum Ballon d’Alsace geht. Durst macht sich breit und ich halte bei jeder Ortsdurchfahrt verzweifelt nach Brunnen oder einem Friedhof mit Gießwasser Ausschau. Aber nichts zu sehen. Doch da eilt mir die Müllabfuhr zu Hilfe. Als ein Müllauto kurz vor Morgengrauen an einem Stapel gelber Säcke anhält, kann ich den netten Müllmann davon überzeugen, mir seinen Getränkevorrat gegen ein großzügiges Trinkgeld zu überlassen. Schwuppdiwupp fülle ich die 1,5 Liter lauwarmes Wasser aus seiner alten PET-Colaflasche in meine Radflaschen um, und gebe ihm das gute Stück mit 5€ „Pfandgeld“ wieder zurück. In der Not kann man nicht wählerisch sein 😉

Mit frischem Treibstoff mache ich mich auf zum nächsten größeren Gipfel und erklimme in der Morgendämmerung den Ballon d’Alsace, um passenderweise auf dem Gipfel ein Kontrollfoto vor einem Tour de France Denkmal zu schießen.

Im darauffolgenden Tal vor dem Col du Page fahre ich immer wieder durch Frühnebelschwaden, so dass es empfindlich kühl bleibt und ich weiter in langen Radklamotten unterwegs bin.

Generell bin ich in der gesamten Nacht vor allem bei den schnellen Passabfahrten gerade noch so im erträglichen Bereich der Radklamotten unterwegs.

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Screenshot Garmin Connect – von 6° bis 30° Celsius ist alles dabei

Im kleinen Ort Oderen lege ich dann nochmals einen längeren Stopp ein, bevor es in den Endspurt geht. Ich fülle die Flaschen erneut auf und stärke mich in der Morgensonne zur Abwechslung von der Isopampe einmal mit leckeren süßen Stückchen vom Bäcker. Ein wahrer Genuss!

Die letzten Kilometer und Höhenmeter verlaufen dann relativ ereignislos. Es wird nochmals richtig steil und rau auf der folgenden Auffahrt. Aber nach dem bisherigen Streckenverlauf kann mich das auch schon nicht mehr schocken. Die schwindende Konzentration durch den Schlafmangel bemerke ich hauptsächlich dadurch, dass ich mir beim Schalten offensichtlich nicht mehr merken kann, wenn ich bereits im ersten Gang angekommen bin. In den steilen Rampen versuche ich regelmäßig in einen leichteren Gang zu schalten, obwohl ich den leichtesten Gang bereits kurz vorher eingelegt habe. Die regelmäßige eigene Enttäuschung, dass es nicht mehr leichter geht, ist in diesen Momenten schon fast wieder drollig.

So geht es über den Grand Ballon, den Petit Ballon und den Col du Firstplan über die letzten ernsthaften Prüfungen dieser langen Fahrt, wobei es zusehends wieder wärmer wird und der Schweiß erneut in Strömen fließt.

Bei der Abfahrt vom Col du Hundsplan öffnet sich die Rheinebene vor mir und die letzten 50km führen mich hauptsächlich flach, aber mit starkem Gegen- und Seitenwind zurück nach Freiburg zum Martinstor. Damit setzt sich aber sowieso nur der gefühlte Trend fort, den mir nach der Tour auch MyWindSock in der Statistik für meine Fahrt bestätigt.

Ein kurzer Blick auf die Uhr zeigt mir, dass keine „magische“ Zeitgrenze als Motivation zu einem Endspurt herhalten kann und so nehme ich etwas Druck vom Pedal und nutze die letzten 1,5 Stunden zum lockeren Ausfahren. Am Martinstor angekommen durchströmt mich dann die wohlige Freude und tiefe Befriedigung die gesteckte Herausforderung gemeistert und die Fuhre gut ins Ziel gebracht zu haben.

Schnell noch die obligatorischen Kontrollfotos geschossen, die Beine etwas gedehnt und ab zum nächsten Feinkostimbiss, um die geleerten Energiespeicher wieder für zukünftige Abenteuer zu füllen. This is why we ride 😉

Nach einer ausgiebigen Dusche und einem Powernap schlendere ich dann nochmal am Abend gemütlich zurück in die Freiburger Fußgängerzone für den zweiten Regenerationsgang.

 

Epilog

Während ich diesen Bericht schreibe, sitze ich gemütlich am Pooldeck eines Kreuzfahrtschiffes im Ägäischen Meer. Vielleicht hat auch das dazu geführt, dass der Bericht etwas lange geraten ist. Glückwunsch an alle Leser, die es bis zum Epilog geschafft haben 🙂

Nachdem meine Beine die ersten Tage (wie bei mir üblich) mit Wassereinlagerungen auf die lange Belastung reagiert haben, ist in der Zwischenzeit – von kribbelnden Fingern abgesehen – körperlich alles wieder innerhalb der üblichen Toleranzen. „Belchen satt“ war der perfekte Test fürs RATA. Nach ein paar Nächten mit viel Schlaf bin ich auf jeden Fall zuversichtlich, dass auch die 14.000hm des RATA keine unlösbare Aufgabe sind und bin schon richtig heiß darauf dort den Höhenmeterturbo gemeinsam mit meiner Crew zu zünden.

Zuletzt noch vielen herzlichen Dank an Urban und Walter für die Organisation dieser tollen Superrandonnée und die liebevolle Streckengestaltung, die einen zum größten Teil fernab des Verkehrs durch die schöne Landschaft führt. Dieser einsamen Streckenführung ist es auch zu verdanken, dass man unterwegs viel Zeit hat seinen Gedanken nachzuhängen und die Bewältigung der Strecke dadurch auch meditativen Charakter bekommt. Das war sicher nicht mein letztes Brevet der ARA Breisgau!

 

Packliste – zur Inspiration für Nachahmungstäter

Packliste Brevet Kommentar
Rettungsdecke Wenn man ungeplant am Wegesrand ein Nickerchen einlegen muss oder man zu wenig warme Radklamotten für die Witterung dabei hat
Radhelm
Radschuhe
Radhose, kurzes Unterhemd, kurzes Trikot, langes Trikot, Armlinge, Beinlinge, Regenüberschuhe, Windweste, Regenjacke, Radhandschuhe
3x Ersatzschlauch
Garmin GPS mit Pulsgurt Das Handy (mit der Komot App) habe ich zum Fotos schießen und als Backupnavigationslösung beim Versagen des Garmins noch mit an Bord
Fahrradschloss Ich habe ein kleines ABUS Zahlenschloss mit Drahtseil – das hindert zwar niemanden mit Werkzeug, dient aber als Wegfahrsperre, wenn man z.B. in einen Supermarkt das Rad kurz nicht im Blickfeld behalten kann
Ausweis Die Tour überquert 3 Mal eine Landesgrenze – sicher ist sicher
2x Fahrradflaschen Gehalten in meinen Tune Flaschenhaltern. Der Tune Rechts-/Linksträger ist ein echter Geheimtipp, wenn es im Rahmen aufgrund Rahmentaschen oder Lampenakku eng wird und man die Flasche in einen normalen Halter nicht mehr rein-/rausschieben kann. Zudem super leicht.
Brevetkarte, Höhenprofil, Beschreibung Kontrollstellen und Streckenbeschreibung
Akkupowerbank zum Nachladen von Garmin / Handy während der Fahrt (ich habe ein ZNEX Notstrøm, das wie eine Minipumpe in eine Rahmenhalterung am Flaschenhalter gesteckt wird)
Multitool (inkl. Kettennieter) und Reifenheber
Minipumpe mit Rahmenbefestigung
Kabelbinder Damit lässt sich so ziemlich alles provisorisch reparieren 😉
Gels, Riegel, Isopulver Lieber etwas mehr als zu wenig
Kleine Sonnencreme Zum Nachcremen unterwegs bei Bedarf am zweiten Tag
Stirnlampe inkl. Batterien Für Reparaturen bei Nacht oder zur Orientierung an den Kontrollstellen
Bikepacking Satteltasche Bei mir hat sich das Modell von Ortlieb (absolut wasserdicht) bestens bewährt
Lupine Piko + LED Heckleuchte Die Lupine Modelle sind über jeden Zweifel erhaben und bei vielen Randonneuren beliebt (We are the Light)
USB-/Lightning-Kabel für Verbindung Handy/GPS mit Powerbank
Reflektorveste-/Gurt für den Oberkörper Pflicht bei Brevets bei schlechten Sichtbedingungen / Dunkelheit
Kleiner Stift Zur Erfassung der Zeiten an den Kontrollstellen auf der Brevetkarte
Kleine Packung Feuchttücher Bei Bedarf als Toilettenpapier (Hygiene am Allerwertesten ist der Schlüssel zu schmerzfreiem Langstreckenradeln) oder zur Reinigung der Hände nach Reparaturen
Fahrradbrille Mit selbsttönenden Variogläsern, damit man Nachts auch noch etwas sieht
Kettenöl Hatte ich nicht dabei – ein kleines Fläschchen davon hätte mir aber den Stopp im Radladen erspart
Kleines Stück Lappen Siehe Kettenöl…
Bargeld, EC-/Kreditkarte Auf jeden Fall auch ein paar Münzen für Getränkeautomaten einpacken 😉
Flickzeug Falls auch der letzte Ersatzschlauch aufgebraucht ist
Ersatzmantel Zum ersten Mal gebraucht bei „Belchen satt“ – aber unendlich froh gewesen ihn dabei zu haben
Bremsbeläge Ich hatte auf der Strecke keine Probleme, hatte aber vorsichtshalber aufgrund der langen Abfahrten welche dabei – wenn das Wetter entsprechend ist, kann es einem schnell die Beläge runterhobeln
Dünne Einweggummihandschuhe Für Reparaturen oder zum Überziehen bei Kälte

7 Kommentare zu „Superrandonnée Belchen satt – Auf und nieder immer wieder“

  1. Hi Jochen,
    ich bin durch Facebook auf den Bericht gestoßen. Glückwunsch zu dieser Ausdauerleistung! Ich bin selbst Ultraläufer und kenne solche Situationen wie du sie bei deiner Panne in der Nacht oder beim Schalten hattest in ähnlicher Art auch ganz gut. Müdigkeit kann schon „tolle“ Sachen mit einem anstellen 🙂

    Gruß
    Sascha

    Gefällt 1 Person

  2. Super Bericht und eine klasse Leistung !! Hut ab !! Wie zufrieden bist du mit den spirgrips ? Du hast sie an der gleichen Stelle montiert wo die Aerobars waren ? Hast du die Armauflage auf der langen Strecke vermisst ? Gruß Mike

    Gefällt 1 Person

    1. Hi Mike, ja, habe die Armauflagen vermisst. Vor allem in den flacheren Passagen der Strecke. Die Spirgrips habe ich ca. zwei Centimeter rechts und links der Vorbauklemmung montiert. Ist für mich hauptsächlich eine Lösung für sehr bergige Strecken oder bei Events bei denen ein richtiger Auflieger verboten ist.

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