Saarland Brevet 430km – Gegenwind formt den Charakter

Am gestrigen Samstag (05.05.2018) war es einmal wieder soweit. Die Herausforderung einer Langstrecke hat mich – wie in der Vergangenheit schon des Öfteren – ins schöne Saarland verschlagen. Die Wettervorhersage war vielversprechend. Sonnenschein von früh bis spät und das bei angenehmen Radfahrtemperaturen. Das gepaart mit der Aussicht ein paar alte Randonneursbekanntschaften und die super freundlichen Gastgeber/Organisatoren Andrea und Stefan wieder zu sehen, hat mich voller Vorfreude am Freitagnachmittag nach Wallerfangen (bei Saarlouis) aufbrechen lassen.

Übernachtet habe ich wieder auf einer Matraze in einem Abstellraum des Wallerfangener Campingplatzes – super praktisch, da der Campingplatz auch Start- und Zielort der Saarlandbrevets ist.

Nach einem leckeren Frühstück mit den anderen Randonneuren ging es los.

Wallerfangen – Wissembourg – Worms

Ich hatte mich für die 430km Runde mit der Route Wallerfangen, Wissembourg, Worms, Bad Kreuznach, Erbeskopf, Wallerfangen entschieden.

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Direkt nach dem Start um 08:00Uhr bin ich mit einer größeren Gruppe auf dem Saarradweg in Richtung Saarbrücken losgerollt. Es war mit 10 Grad noch recht frisch, so dass ich mich zügig an die Spitze der Gruppe gesetzt habe, um die Muskulatur auf Betriebstemperatur zu bekommen. Komplett flach ging es nach Saarbrücken, um denn nach Osten in etwas welligere Gefilde abzubiegen.

In den kommenden Hügeln hat Roman in den Steigungen die Wattzahlen nach oben schnellen lassen, so dass die große Gruppe zusehends kleiner Wurde und wir in Wissembourg an der ersten Kontrolle nur noch zu viert ankamen.

In dieser Konstellation (Roman, Thorsten und ein weiterer Mitstreiter) sind wir dann gemeinsam über leicht welliges Gelände nach Worms aufgebrochen. In der Zwischenzeit war es auch schon so warm, dass wir alle die Arm- und Beinlinge verstaut und in kurzer Hose/Trikot unterwegs waren. Also eigentlich alles top – wenn nur der super starke und zeitweise böige Gegen-/Seitenwind das Vorankommen nicht deutlich erschwert hätte. Mit guter Teamarbeit, bei der sich Roman und ich regelmäßig an der Spitze abgewechselt haben, sind wir in Anbetracht der Umstände trotzdem noch zügig vorangekommen. Und wie sagt man so schön… Gegenwind formt den Charakter 😉

Motiviert hat uns zu dieser Zeit vor allem die Aussicht auf eine schöne Pause bei guter Verpflegung in Worms beim Rewe Markt, den die Frau eines Teilnehmers managt, und bei dem die Teilnehmer traditionell auf halber Strecke mit Snacks und Getränken verwöhnt werden. Dort angekommen habe ich, basierend auf den Erfahrungen der Vergangenheit, den angebotenen Döner gegen ein Fladenbrot mit Schinken getauscht. Ein richtiger Randonneur greift hier eher zum Döner mit Bier und lässt dem Körper einfach genug Zeit zur Verdauung – aber die Randonneursszene ist vielschichtig. Und ich zähle wohl eher zur sportlich orientierten Fraktion, die beim Radeln den Genuss in der Geschwindigkeit und nicht im Kulinarischen sucht. So dass die Verpflegung während der ganzen Fahrt (vom Rewestopp abgesehen) nur aus Powergel und Isogetränken oder Cola von der Tankstelle bestand.

Worms – Bad Kreuznach

Nach einer längeren Pause ging es dann wieder los in Richtung Bad Kreuznach. Die Route wurde deutlich welliger, die Auffahrten steiler und auch der Gegenwind kannte weiter keine Gnade. Also weiter perfekte Bedingungen, um den Charakter zu formen. Und ein lukrativer Tag für alle Windradbetreiber, die es auf diesem Streckenabschnitt auf jeder Kuppe in Hülle und Fülle gab.

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So ging es Kilometer für Kilometer weiter, bis wir schließlich in Bad Kreuznach an der vorletzten Kontrolle in der Araltankstelle unsere Brevetkarte mit einem weiteren Stempel und die Fahrradflaschen mit Nachschub für die nächsten Kilometer gefüllt haben. In meinem Fall fanden auch 1,5 Liter Cola ihren Weg in die Flaschen. Was eine willkommene Abwechslung zum eintönigen Isomix darstellte, aber dank Kohlensäure und leicht undichter Flaschenverschlüsse die bereits vorhandene Isoschicht auf dem Fahrradrahmen mit einer zusätzlichen Colaschicht überzog. So ausgestattet wird jedes Fahrrad zum perfekten Fliegenfänger 🙂

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Bad Kreuznach – Erbeskopf

Beim Aufbruch von der Tankstelle trennten sich dann die Wege von Roman/Thorsten und mir. Die beiden sind als Duo mit etwas verringertem Druck auf dem Pedal in den Hundsrück angegangen, während ich den Beinchen nochmal etwas Feuer geben wollte. So bin ich alleine das Nahetal hinauf und der Abendsonne entgegengefahren. Der letzte Teil der Strecke ist mit Abstand auch der schönste. Das liegt zum einen an den verkehrsarmen Straßen, der idyllischen Landschaft und der besonderen Atmosphäre, die in der Abendsonne entsteht.

Nach Verlassen des Nahetals führt einen die Strecke über etliche Höhenmeter in Richtung Erbeskopf, der liebevoll auch Erbsenkopf genannt wird. Hinauf zum kleinen Ort Bergen wurde es nochmals spannend, da die Durchfahrt aufgrund einer Baustelle gesperrt war und über mehrere Kilometer bergauf für mich nicht klar war, ob die Durchfahrt mit dem Rad gelingt. Zum Glück gab es kurz vor Erreichen von Bergen nur etwa 50 Meter, die tatsächlich schlecht zu befahren waren und schiebend von mir überwunden wurden. Mit Einbruch der Dämmerung habe ich dann auch die Beleuchtung am Rad aktiviert und die bei Brevets vorgeschriebenen Reflektoren übergestreift. So langsam wurde es auch mit Getränken wieder eng und da ich die Strecke aus den vergangenen zwei Jahren bereits kannte war mir klar, dass es auf den nächsten Kilometern keine weiteren Einkaufsmöglichkeiten mehr geben würde. Zum Glück konnte ich bei der Durchfahrt durch den nächsten kleinen Weiler ein altes Rentnerehepaar, das den Abend auf einer Bank vor ihrem Haus genoss, davon überzeugen meine Flaschen mit Leitungswasser wieder aufzufüllen.

Zum Erbeskopf hoch zieht sich die Strecke dann noch etwas. Es wird zwar nie wirklich steil, aber den höchsten Punkt in Deutschland westlich des Rheins muss man sich trotzdem erarbeiten. Oben angekommen sind die letzten Sonnenstrahlen am Horizont verschwunden und mit dem Handyfoto konnte ich noch einen kleinen Streifen Abendrot einfangen, bevor ich mit einer am Straßenschild angeschlossenen Stempelzange meine Brevetkarte selbst markiert und die Beinlinge und Armlinge wieder anzog. Dank hereinbrechender Dunkelheit war es in der Zwischenzeit auf empfindlich kühle 10 Grad abgekühlt und der Temperaturkreis 10° – 30° – 10° war somit geschlossen.

Endspurt nach Wallerfangen

Morgens noch hatte mich Andrea gefragt, wann sie mit unserer Ankunft rechnen soll, damit sie als Empfangskomitee am Campingplatz vor Ort sein kann. Und dank bester Wetterbedingungen hatte ich optimistisch Mitternacht prognostiziert. Dank der extremen Windverhältnisse hatte ich mir eine Ankunft in Wallerfangen noch am selben Tag allerdings schon lange abgeschminkt und beim Aufbruch vom Erbeskopf war es bereits 21:55Uhr. Bei der langen Abfahrt zurück zur Hauptstraße konnte ich aber doch nicht anders mir die verbleibenden Restkilometer und das Höhenprofil etwas genauer anzuschauen. Noch 73 Kilometer zu fahren und 600hm tendenziell bergab (von 800hm auf 200hm). Okay, ein paar kleinere Bergauf Wellen und auch ein paar unangenehmere längere Anstiege, aber trotzdem ein schneller Kurs…

Die aufkommende Erschöpfung half zwar nicht gerade dabei den Dreisatz aus Zeit, Entfernung und Geschwindigkeit aufzulösen, aber nach reiflicher Überlegung kam ich zu dem Schluss, dass ein 36er Schnitt reichen müsste, um gerade noch rechtzeitig vor Mitternacht in Wallerfangen zu sein und Andrea nicht zu enttäuschen 😉

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Eine Herausforderung, aber nicht hoffnungslos – also Challenge accepted! Und so mobilisierte ich für die letzten zwei Stunden die verbliebenen Reserven und ließ es nochmals so richtig krachen. Der Lupine Flaggscheinwerfer im Wechsel in den zwei hellsten Stufen war wieder einmal Gold wert in den schnellen Abfahrten. Durch die kräftezehrenden Rampen war ich mir aber nie ganz sicher, ob es sich tatsächlich ausgehen würde. Erst als 20 Minuten vor Mitternacht nur noch 7-8 Restkilometer auf dem Garmin standen war mir klar, dass es auf jeden Fall reichen würde und ich die letzten Meter in Wallerfangen auch noch einen Gang runter schalten kann, um den aufgebauten Laktatüberschuss noch locker aus den Beinen zu schütteln.

Glücklich über den schönen Verlauf und Ausklang des Tages wurde noch schnell das obligatorische Finisherfoto geschossen, bevor ich mich zu Andrea in das Bistro des Campingplatzes gesellte.

Dort warteten bereits einige Teilnehmer, denen die anstrengenden Windverhältnisse den Spaß genommen hatten, und die unterwegs auf den Windschatten der Deutschen Bahn umgestiegen waren. So war auf jeden Fall für Stimmung gesorgt und ich konnte die leeren Energiespeicher in geselliger Runde wieder auffüllen. Es gab leckeren Kuchen, Kekse und eine große Portion Kartoffelsalat mit Frikadellen.

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Epilog

Um kurz vor 03:00Uhr gewann dann die Müdigkeit die Oberhand und ich zog mich für die zweite Nacht in mein Matratzenlager zurück. Auch Andrea hat erfolglos versucht ein paar Minuten Schlaf in ihrem Liegstuhl zu erhaschen.

Um kurz vor 07:00Uhr erinnerte der Wecker mich dann unerbittlich daran, dass es Zeit zum Aufstehen sei, um dann mit dem Renner zum nächsten Bahnhof nach Saarlouis zu radeln.

Da die Erinnerung noch frisch war, habe ich die Zeit im Zug gleich für diesen Bericht genutzt. An dieser Stelle nochmals herzlichen Dank an Andrea und Stefan, dass sie bereits seit Jahren die Brevetserie im Saarland organisieren. Und natürlich an Roman und Thorsten für die angenehme Begleitung auf einem Großteil der Strecke. Ich komme wieder 🙂

 

 

 

2 Kommentare zu „Saarland Brevet 430km – Gegenwind formt den Charakter“

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