Race Across Germany 2017 – Bericht meiner Begleitcrew

Ein Bericht zum Race Across Germany aus Sicht meiner Begleitcrew, die auch alle zum ersten Mal an einem Ultra Cycling Event teilgenommen haben, und deren Einsatz ich gar nicht hoch genug würdigen kann:

Andreas:

Wir hatten ja keine Ahnung auf was wir uns da eingelassen haben. Blauäugig wie wir waren dachten wir das werden zwei ziemlich langweilige Tage die wir da hinter Jochen her rollen. Vor allem Uta unsere Physiotherapeutin hatte sich auf viel Langeweile eingestellt, schließlich muss Jochen während dem Rennen sicher nur 2-4 Mal massiert werden. Aber es kam alles anders…

Der Morgen von Jochens Start verlief noch recht ruhig – wir hatten 30 Minuten am Startplatz um Jochen vorzubereiten – an unsere Vorbereitung hat dabei niemand gedacht. Der erste Stress für uns begann also direkt nach dem Startschuss – Jochen war längst hinter der ersten Kurve verschwunden und keiner wusste wie man das GPS dazu bringt den Streckenverlauf anzuzeigen oder darauf zu navigieren. Sämtliche Navigationsanweisungen waren ständig nur: “Macht einen U-Turn und fahrt zurück (zum Startpunkt?)”. Geistesgegenwärtig haben wir das Ersatz-Fahrrad-GPS angeworfen und waren von dem Zeitpunkt an wieder sicher auf dem richtigen Weg zu sein. Nur als nach 15 Minuten immer noch keine Spur von Jochen zu sehen war kamen wieder Zweifel – er kann doch nicht soooo schnell sein, oder doch? Er war so schnell…

Von da an verging die Zeit wie im Flug, Jochen hat stündlich etwas zu essen und zu trinken bekommen – je nach Verkehrslage und Straßenverlauf hat sich die Übergabe durchs Beifahrerfenster während der Fahrt auch mal über 10 Minuten hingezogen. Unserem Zeitgefühl konnten wir dabei nicht trauen – häufig war die Reaktion eher: “Schon wieder?” Uta hat neben der Fahrstilberatung und Optimierung die Dokumentation der zugeführten Kalorien, Pausen und Zwischenzeiten übernommen.

Das Laden der Geräte war definitiv eine Herausforderung. Im Nachhinein hätten wir uns farbkodierte Kabel (nach Steckertyp) gewünscht und eine Box für die zu ladenden Geräte. Der komplette Fußraum zwischen Fahrer und Beifahrersitz lag voll mit Geräten und es war nie klar ob gerade ein passendes Kabel frei ist oder der Ladevorgang eventuell unterbrochen wurde da das Kabel rausgerutscht ist. Immerhin war Jochen am zweiten Tag geistesgegenwärtig genug uns mittags daran zu erinnern, dass seine Lampe für die Nacht noch geladen werden muss – wir hätten den Lampenakku sonst vergessen.

Ein persönliches Low-Light war definitiv als ich übermüdet in der zweiten Nacht am Steuer des Wohnwagens hinter Jochen den Berg mit etwa 60 km/h hinunterfuhr und realisierte: Wenn er jetzt stürzt habe ich keine Chance rechtzeitig zu bremsen – ich würde ihn überfahren. Und Matze der gerade hinten im Wohnwagen in der Küche neue Fahrradflaschen füllt wird quer durch den Wohnwagen geschleudert – und die im hinteren Bett schlafende Uta bekommt dabei auch mehr als ein paar blaue Flecke ab. Was tun? Mehr Abstand halten? Mehr Abstand halten bedeutet aber auch, dass Jochen nicht mehr vom Fernlicht des Wohnwagens profitieren könnte und dementsprechend den Zustand der Straße eventuell nicht richtig einschätzen kann.

Ich hatte es mir zum Ziel gemacht Jochens Facebook Profil regelmäßig zu aktualisieren, was nicht immer so einfach war, da wir größtenteils Abseits großer Straßen und Städte unterwegs waren und wir häufig nur das mobile Steinzeit Internet (EDGE) nutzen konnten. Das Feedback seiner Freunde auf die Beiträge hat uns im Auto aber die Zeit vertrieben und Jochen definitiv motiviert – dank Sprechfunk haben wir ihn immer sofort über die neuesten Kommentare informieren können. Man war plötzlich nicht mehr alleine unterwegs, sondern alle seine Freunde waren bei uns. Dank Konferenzschaltung haben wir auch den einen oder anderen direkt telefonisch mit Jochen verbunden.

Die Verpflegung im Begleitfahrzeug: Wir hatten ja leider kein Begleitfahrzeug welches uns regelmäßig mit Essen versorgt hat, daher war ursprünglich der Plan, dass wir mit dem Wohnmobil irgendwo anhalten und uns etwas zu essen kochen. Wir haben das am ersten Tag probiert – ein schnelles Essen: lauwarme Maultaschen mit Ei. Wir haben über eine Stunde benötigt um Jochen wieder einzuholen – das heißt wir haben Jochen knappe 2 Stunden alleine gelassen – eine schlechte Situation für Jochen, da während der Zeit auch noch das Wetter umgeschlagen ist und er eigentlich eine Regenjacke benötigt hätte. Am zweiten Tag gab es morgens ein kurzes Müsli und ein schnell geschmiertes Brötchen – nachmittags haben wir irgendwann realisiert, dass wir ja eigentlich etwas essen sollten – ein weiteres Brötchen und ein paar Kekse waren dann alles für den Tag. Kaffee gab es auch keinen mehr, da Wasser so lange braucht zum Kochen. Beheizbare Kaffee-Thermoskannen wären eine super Idee gewesen.

Das Thema Schlaf: Welcher Schlaf? Wenn ich eins gelernt habe am Wochenende dann wie effektiv 15 Minuten Schlaf sein können – auch wenn man selber der Meinung ist man hat keine Sekunde geschlafen. Da wir jederzeit Fahrer und Beifahrer benötigt haben konnte immer nur einer Schlafen – rein rechnerisch standen also jedem knappe 3 Stunden Schlaf pro Nacht zu – und dies in einem fahrenden Wohnmobil. Das Einschlafen war eine echte Herausforderung, mein Gleichgewichtssinn hat ständig gemeldet: “Du fällst nach links, jetzt nach rechts, ne doch links…” und das Kopfkino hat sich überlegt was wohl bei einem Unfall mit mir passiert – nach zwei Stunden bin ich frustriert wieder aufgestanden – gefühlt ohne tatsächlich geschlafen zu haben. In der zweiten Nacht habe ich mich an die Wohnmobilwand gelehnt und das fallende Gefühl wurde besser, aber auch diesmal bin ich von selber wieder aufgewacht – lange bevor mein eigentliches Schlafkontingent erfüllt war.

Was für ein tolles Team wir waren und wie gut doch alles funktioniert hat, habe ich erst im Ziel realisiert als der Veranstalter mich ausgefragt hat wie die Stimmung von Jochen während der Fahrt war und ob es Zoff gab. Er erzählte mir das deswegen schon Teilnehmer abgebrochen haben oder Begleitfahrzeuge ihren Dienst eingestellt haben und der Fahrer aufgeben musste. Wir hatten ungelogen kein böses Wort während der ganzen Fahrt.

Ergänzung Matthias:

Als Jochen das erste Mal von seiner Idee berichtet hat, das RAG mitzufahren, war mir klar dass ich ihn dabei unterstützen muss. Dass es so ein stressiges langes Wochenende wird war mir nicht klar! Ich hatte sogar eine Zeitung im Gepäck um auftretende Langeweile zu bekämpfen – im Nachhinein eine wirklich lächerliche Annahme.

Wir drei im Begleitfahrzeug hatten wirklich immer gute Laune und haben uns gut ergänzt. Andy hat mit seinen Bildern und Facebook Posts einen wichtigen Beitrag zu Jochens Erfolg geleistet. Es hat mich regelmäßig überwältigt wie viel Anteilnahme und Support von der Facebook Gemeinde kam!

Mit Uta gab es unglaubliche Unterhaltungen und je müder wir wurden desto lustiger wurde es. Ihr hat es Jochen zu verdanken, dass er es so lange so gut auf dem Rad ausgehalten hat.

Jochen war ein guter Fahrer, ich habe mir im Vorfeld schon oft überlegt wie es sein wird wenn es nicht läuft, aber es lief gut und Jochen war zu jeder Zeit bereit seine Flüssignahrung aufzunehmen und Utas Anweisungen zu befolgen.

Nach der ersten längeren Pause musste ich Jochen mehrmals erklären, dass er nicht letzter ist, er war fest der Meinung während der Pause von allen überholt worden zu sein und der langsamste zu sein…irgendwann hat er es dann endlich eingesehen, dass er gut dabei ist und die anderen auch mal eine Pause machen, er will halt immer recht haben 😉

Am zweiten Tag habe ich Jochen ein paar Kilometer auf meinem Rad begleitet, wie gerne hätte ich ihm bei dem unglaublichen Gegen- und Seitenwind Windschatten gegeben, aber das war ja nicht erlaubt! Es hat mich fast zerrissen, ich hätte ihm so gerne mehr geholfen!

Das absolute Low-light waren manche Autofahrer die uns trotz Kennzeichnung auf dem Wohnmobil schimpfend und hupend überholt haben. Manche haben so leichtsinnig und unverschämt überholt, dass wir Jochen die letzten 20h nicht mehr vom Hinterrad weichen wollten. So konnten wir wenigstens verhindern, dass ihn jemand in den Graben fährt.

Die letzten Kilometer waren eine Qual für Jochen und es hat auch uns gequält das anzusehen, aber wir wollten alle nach Garmisch! Die Einfahrt dort war überwältigend, wir standen alle voll unter Strom und es war toll dass Jochen es innerhalb seiner Wunschzeit geschafft hat!

Zu sehen wie schlecht es ihm nach dem Zieleinlauf ging, war nicht schön, aber nach ein paar Stunden Schlaf sah er schon wieder besser aus.

Wir haben alle viel Zeit und Kraft in dieses Rennen investiert, Montags hat es sich so angefühlt, als hätte ich all meine Energie und Kraft an Jochen abgegeben – ich war total erledigt, aber trotzdem glücklich Jochen bei diesem Wahnsinn gut ins Ziel gebracht zu haben.

 

 

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