Race Across Italy 775 – La dolce vita dell Ultracycling – oder von Bären und Brunnen

Regentag beim Familyurlaub in Finale Ligure. Das perfekte Setting, um in Erinnerungen ans Race Across Italy vor zwei Wochen zu schwelgen und den ein oder anderen Gedanken in meinem digitalen Gedächtnis (aka Blog) zu archivieren.

In meinem letzten Blogpost habe ich bereits etwas über das Rennen, die Strecke, die Anreise und die Vorbereitung geschrieben. Heute soll der Fokus auf den Erlebnissen in Italien vor, während und nach dem Rennen liegen.

Für alle, die es kurz und knackig mögen: super Veranstalter, geniale Landschaft, Finish in Wunschzeit, Tapetenwechsel für die Seele und das alles auch noch garniert mit dem ersten Platz in der Unsupported-Kategorie…. Was will man(n) mehr 🙂

Für alle, die sich ganz im Spirit des Ultracycling etwas länger mit dem Thema beschäftigen möchten, und auch die ein oder andere Challenge auf dem Weg zum Ziel im Geiste nacherleben möchten: einfach weiterlesen. Mein Bericht wird in der klassisch italienischen Gangfolge serviert.

Aperitivo – Die Anreise

Am Mittwochabend ist es soweit. Mein Vater und ich kommen nach einem langen Tag im Auto in Silvi an. Das Hotel liegt wenige Meter entfernt vom Strand und von der Dachterrasse kann man nicht nur das Meer sehen, sondern auch die Seeluft riechen.

Nach langen Monaten, in denen weder Sportevents noch private Urlaube uns weit von zu Hause weggeführt haben, ist der Tapetenwechsel reinster Balsam für die Seele. Vor dem Abendessen geht es also erst einmal zum Spazieren an den Strand und wir saugen die ersten Eindrücke von Italien tief in uns auf. Im Hotel zurück, rundet die typische italienische Gangfolge aus Primi, Secondi und Dolce den Tag ab.

Antipasto – Letzte Vorbereitungen

Der Freitag startet mit einem ausführlichen Frühstück am Hotelbuffet. Da ich weiß, dass es sich um die letzte „normale“ Mahlzeit vor dem Rennen handelt, genieße ich die reichhaltige Mischung aus Prosciutto e Melone, Croissants und diversen italienischen Kuchen ganz besonders.

Danach geht es zum Veranstaltungsgelände, um den obligatorischen COVID-19 Test zu absolvieren, dessen negatives Ergebnis für die kommenden Tage meine „Starterlaubnis“ für das Rennen und für meinen Vater und mich auch die „Eintrittskarte“ zum Start-/Zielbereich sind.

Ab jetzt sind wir Teil der Bubble, die uns z.B. auch auf eine der drei akkreditierten Unterkünfte festgelegt hat.

Zurück im Hotel angekommen, bereite ich ganz in Ruhe mein Equipment für das Rennen vor.

Dafür wird mein ORBEA Orca mit allerhand hochkalorischem von Sponser in flüssiger und pulvriger Form beladen und die Elektronen in den Akkus der diversen elektronischen Bauteile wie Schaltung, Beleuchtung und Wattmesspedale werden analog zu mir nochmal bis zum Anschlag unter Vorspannung gesetzt. Dazu kommen noch diverse Ersatzteile und ein Papierstapel mit Sondergenehmigungen des Veranstalters und des Nationalen Italienischen Olympischen Komitees (CONI) in die Apidura Taschen.

Danach mache ich mich auf den Weg, um das komplett montierte Setup einer letzten Probefahrt zu unterziehen und auch die Beine mit einer kleinen Vorbelastung an ihre Aufgabe für die kommenden Tage zu erinnern.

Ich starte vom Hotel weg und genieße die sommerlichen Temperaturen in kurz/kurz. Doch keine zwei Kilometer später hat der Spaß ein jähes Ende. Es gibt plötzlich einen lauten Knall und mein vorderer Reifen ist beim Einfahren in einen Kreisverkehr von einer Sekunde auf die andere komplett leer.

Ich kann zum Glück ohne Sturz zum Stehen kommen und bin völlig perplex, da ich tubeless fahre und bei einem Reifenplatzer erwartet hätte, dass die Dichtmilch nur so aus dem Reifen spritzt. Aber überhaupt nichts zu sehen. Während ich am Straßenrand stehe und den Mantel nach einem Defekt untersuche, lässt es schon den zweiten Schlag und der Hinterreifen ist auch leer. Unfassbar…das Material von Wolfpack ist eigentlich über jeden Zweifel erhaben, aber haben die Tubeless-Prototypen des Wolfpack Cotton von Wolfgang Arenz evtl. doch noch Kinderkrankheiten? Als ich am Hinterreifen die Dichtmilch an einem Speichennippel austreten sehe, fällt es mir wie Schuppen von den Augen… in grenzdebiler Naivität bin bei der Montage der Mäntel davon ausgegangen, dass die Laufräder am Rennrad bereits für tubeless vorbereitet sind. Ein fataler Irrtum. Durch den heißen Asphalt hat sich der Druck im Reifen wohl nochmals etwas erhöht und das ungeeignete Felgenband hat an den Speichenlöchern aufgegeben. Kurz überlege ich direkt zwei Schläuche einzuziehen. Die Sauerei mit der Dichtmilch und die kurze Entfernung zum Hotel bringen mich aber auf die Idee, einfach zurück zu laufen. Da ich mir dir Plastikschuhplatten an den Rennradschuhen auf den ca. 1,5km nicht auch noch kaputt machen möchte, entschließe ich mich kurzerhand die Schuhe auszuziehen und sockig zurück zu schieben. Wie sich kurz vor dem Hotel herausstellt leider mein zweiter fataler Irrtum, denn die Füße fangen schmerzhaft an zu brennen. Der Asphalt ist mit der Sonne im Zenit so heiß, dass die Haut auf der Fußsohle mir den Spaziergang übelnimmt und sich eine jeweils 5-DM-große Brandblase an den Ballen bildet… ein Traum. Die restlichen paar Meter ziehe ich schnell die Schuhe wieder an. Im Hotel angekommen halte ich meine Füße erst einmal mehrere Minuten unter kaltes Wasser, aber der Schaden ist leider schon angerichtet. Frust pur… ich könnte mir mit Anlauf in den Allerwertesten beißen. So wie die Füße gerade schmerzen, könnte das bereits das Aus noch vor dem Start des Rennens bedeuten. Ich atme ein paar Mal tief durch, trage eine dicke Schicht Bepanthen auf, und baue mein Laufradsetup wieder auf ein klassisches Schlauchsetup mit Schwalbes Aerothan zurück. Die Kenner unter euch werden sich vielleicht schon gefragt haben, warum die Wolfpack Cotton einen Tag vor dem Rennen noch eine schwarze Flanke zur Schau stellen und auf den Rennbildern dann plötzlich wieder Skinwall-Optik zeigen – jetzt wisst ihr Bescheid ;-).

Danach kann ich meine Testfahrt endlich wirklich starten und fahre die ersten Kilometer der Rennstrecke an der Küste entlang ab, um mich noch etwas an die Temperatur zu gewöhnen. Die Fußsohlen brennen sehr unangenehm. Aber da die Füße in den Rennradschuhen keinen Millimeter hin und her rutschen, entsteht zumindest keine weitere Reibung/Verschlimmerung der Blasen. Und der Druckschmerz ist noch im Rahmen des erträglichen. So hoffe ich einfach auf eine Besserung über Nacht, blende die negativen Gedanken zu der vermeidbaren Aktion aus und fokussiere mich wieder auf den Rest der Vorbereitung.

Abendessen und Frühstück kann ich das Dolce Vita im Hotel leider nicht mehr in vollen Zügen genießen, sondern opfere den Genuss zu Lasten einer perfekten Vorbereitung. Während mein Vater nochmals die italienische Küche genießt, sitze ich mit Brei und Flüssignahrung daneben, um den Magendarmtrakt schon einmal in Rennstimmung zu versetzen.

Am Abend geht es früh ins Bett, um noch etwas Schlaf zu bunkern, da meine Rennplanung für die kommende Nacht keine Pausen vorsieht.

Primo Piatto – Das Rennen Phase 1

Freitagmorgen um 09:56Uhr ist es endlich so weit, und ich rolle von der Startrampe des Race Across Italy. Im Startbereich ist auch schon gute Stimmung, da die erste Starterin bereits um 09:00Uhr auf die Strecke geschickt wurde, und nach mir im Zweiminutentakt noch Fahrer bis 11:28Uhr folgen.

Die ersten Kilometer geht es flach auf der Küstenstraße gen Norden und ich mache es mir auf meinen Aerobars bequem. Wie üblich muss ich mich ziemlich bremsen, um dem Rennfieber nicht zu erliegen, und viel zu schnell los zu preschen. Nur ein regelmäßiger Blick auf die Wattanzeige meines Powermeters kann schlimmeres verhindern 😉

Nach ca. 25 Kilometern biegt die Route gen Westen ab und führt dann, nur von kurzen Abfahrten unterbrochen, von Normalnull zum höchsten Punkt der Strecke auf 1.634m.

Das Wetter ist super, die Beine sind noch frisch, die Sicht auf die Berge ist berauschend und ich kann bereits auf der Auffahrt etliche andere Starter*innen einsammeln.

Hier ist auch dieses Video mit kurzen Interviewsequenzen entstanden, in dem ich bei Minute 2:49 zu sehen bin.

Ich bin das erste Mal in dieser Gegend unterwegs und muss schon nach dem ersten Pass uneingeschränkt konstatieren, dass die Abruzzen landschaftlich ein echter Leckerbissen sind, die die Reise auf jeden Fall wert sind. Bewaldete Abschnitte wechseln sich mit kargen Steinfeldern und saftigen Wiesen ab und die schneebedeckten Gipfel geben der Szenerie einen alpinen Touch.

So geht es den Tag über immer wieder auf und ab und unaufhaltsam in Richtung der ersten Timestation, die bei Streckenkilometer 213 in Gioia dei Marsi auf die Starter wartet. Zum Glück sind die Brandblasen an den Ballen nur die ersten drei Stunden zu spüren und werden dann taub, so dass ich dadurch nicht wirklich eingeschränkt bin. Auf den letzten Kilometern vor der Timestation kann ich noch einige weitere Fahrer der Unsupported-Kategorie überholen. Den Überblick über meine aktuelle Position im Feld habe ich zu diesem Zeitpunkt allerdings gänzlich verloren und erst bei der Ankunft an Timestation 1 werde ich vom Veranstalter aufgeklärt, dass ich mich auf die erste Position vorarbeiten konnte. Das motiviert ungemein und ich halte den Stopp so kurz wie möglich, um keine Zeit zu verlieren. Die drei Timestations an der Strecke sind zum einen Kontrollpunkte des Veranstalters, an denen zu langsame Fahrer aus dem Rennen genommen werden können, als auch Verpflegungspunkte für die Fahrer der Unsupported-Kategorie, die wie ich ohne Begleitfahrzeug unterwegs sind. Hierbei kann man entweder auf das Nahrungsangebot des Veranstalters zurückgreifen, oder auf den Inhalt eines Turnbeutels, den man vor dem Start abgeben konnte. Ich entscheide mich für die Turnbeuteloption, da ich so auf meine gewohnten und bewährten Gels und Getränkepulver von Sponser zugreifen kann und meine Vorräte in den Apidura Bikepackingtaschen wieder auffülle. Zwischen den Timestations bin ich mit dieser Taktik nur auf Wassernachschub aus öffentlichen Brunnen angewiesen, da ich die komplette Energiezufuhr über Pulver in den Flaschen bzw. die Gels abdecken kann. Auch wenn das kein kulinarischer Genuss ist, so kann ich damit relativ problemlos die maximal aufnehmbaren 60-80g Kohlenhydrate pro Stunde zuführen. Der darüberhinausgehende Energiebedarf wird aus dem limitierten Muskel- und Leberglykogenspeichern bzw. aus den praktisch unerschöpflichen Fettdepots gedeckt, die im Feuer der Kohlenhydrate verheizt werden. 😉

So geht es gut gestimmt in den Abend und direkt nach der Timestation wieder stramm bergauf zu den nächsten beiden Gipfeln der Route, die bei Kilometer 230 und 253 der Strecke auf ca. 1.400 bzw. 1.500 Meter über Normalnull auf die Fahrer warten.

Secondo Piatto – Das Rennen Phase 2

Eines der Highlights jeder Ultracyclingfahrt sind die Übergänge zwischen Tag und Nacht und vice versa. Auch heute taucht die Abendsonne die einsamen Straßen und umliegenden Gipfel und Bergdörfer in ein bezauberndes Licht, und ich kann die Fahrt trotz der körperlichen Anstrengung wirklich genießen. Das einzige, was mich dann doch etwas verunsichert sind diese Schilder, die regelmäßig neben der Straße auftauchen:

Diese sollen zwar den Bär vor schnellen Autos schützen und nicht den Mensch vor dem Bär. Aber es wird mir, bei dem Gedanken mitten in der Nacht (ohne Auto) auf einen ausgewachsenen Bären zu treffen, doch etwas mulmig.

Ich kann mich erinnern, dass man je nach Bärenart die Flucht ergreifen, oder stehen bleiben soll. Nur zu dumm, dass ich zum einen nicht mehr weiß welche Taktik bei welcher Sorte erfolgsversprechend ist, und zum anderen auch nicht, welcher Bär sich hier in der Gegend heimisch fühlt. Da es sich um ein Rennen handelt, entscheide ich mich intuitiv dafür im Fall der Fälle ein paar Watt mehr aufs Pedal zu bringen. 😉

Die nächsten Stunden passiert nicht viel. Ich spule Kilometer für Kilometer ab und komme irgendwann nach Einbruch der Dunkelheit auch zur zweiten Timestation in Minturno. Eigentlich wollte ich mir hier aus dem abgegebenen Turnbeutel auch noch ein Langarmtrikot schnappen. Doch die aktuellen Temperaturen führen mich zur Einschätzung, dass ich auch mit den mitgeführten Armlingen, Beinlingen und Windweste gut für die restliche Nacht gerüstet bin. Was ich bei meiner Prognose leider außer Acht lasse ist die Tatsache, dass ich mich momentan knapp über Meereshöhe befinde und im Verlauf der Nacht noch Anstiege bis auf knapp 1.300m folgen. In den kommenden Passabfahrten verfluche ich bibbernd meine Entscheidung. Der einzige Vorteil ist, dass ich mich so immer wieder auf den nächsten Anstieg freue…

Eine weitere Herausforderung der Nacht wird die Versorgungslage. Irgendwann sind meine beiden Trinkflaschen wieder aufgebraucht und ich halte die Augen nach Nachschub offen. Doch zum einen herrscht nächtliche Ausgangssperre und Shoppen ist somit keine Option, zum anderen sehe ich in den kommenden Ortschaften nirgends einen Brunnen. Anfangs bin ich noch entspannt, doch irgendwann fange ich sogar an die Deckel der Trinkflaschen abzuschrauben, um auch die letzten Tropfen Flüssigkeit herauszusaugen. Im Gegenzug den Gelkonsum hoch zu regeln ist aus mehreren Gründen keine gute Idee: begrenzte Stückzahl, Kohlenhydratüberdosis, falsches Konzentrationsgefälle im Magen (Osmotischer Druck) sind nur einige der Faktoren, die dagegensprechen. Und so mache ich drei Kreuze, als irgendwann doch endlich ein Brunnen am Wegesrand auftaucht. Eine der gefüllten Flaschen trinke ich gleich wieder halb leer, bevor es frisch beladen weitergeht.

Und auch die Schaltung scheint etwas dehydriert, da immer wieder die Kette auf der Kassette hin und her springt. Eigentlich lässt sich die SRAM eTap AXS superkomfortabel direkt während der Fahrt am Schalthebel feinjustieren. Aber jedes Mal nachdem ich nachjustiert habe, fangen kurz danach die automatischen Gangwechsel wieder von vorne an. Im Dunkel kann ich die Ursache auch bei einem kurzen Stopp nicht lokalisieren, aber da das Problem immer schlimmer wird, nehme ich mir für die Ursachenforschung doch nochmals länger Zeit und bringe dazu auch die eingepackte Stirnlampe zum Einsatz. Wie sich herausstellt eine gute Idee, denn das Problem wird dadurch verursacht, dass die Schraube, die das Schaltwerk mit dem Schaltauge verbindet, locker geworden ist. Also schnell die Schraube eine paar Umdrehungen weiter ins Gewinde gedreht und die Schaltung flutscht wieder wie am ersten Tag. Das bleibt auf der gesamten Strecke zum Glück die einzige technische Herausforderung. Auch das Schlauchsetup mit den Wolfpack Cotton Mänteln läuft trotz streckenweise extrem schlechtem Fahrbahnbelag ohne einen einzigen Platten vom Start bis ins Ziel.

Damit es in der Nacht nicht zu langweilig wird und die Müdigkeit einen packt, hat der Veranstalter aufgrund eines Erdrutsches noch kurzfristig eine Umfahrung als separaten GPS-Track fürs Navi verteilt. Um diese nicht zu verpassen, sollte man also den Kilometerstand gut im Blick behalten, um zum richtigen Zeitpunkt vom Originaltrack auf die Umfahrung zu wechseln. Dass man auch solche Dinge in der Unsupported-Kategorie selbst im Blick behalten muss, macht diese Kategorie zusätzlich zum autarken Equipment- und Verpflegungsmanagement für mich besonders reizvoll. Auch wenn ein Begleitfahrzeug bei einer Bärensichtung unbestreitbare Vorteile hat. 😉

Die schnellsten beiden Fahrer der Supported-Kategorie schließen in der Nacht bzw. im Morgengrauen zu mir auf und ziehen dann auch an mir vorbei. Als ich im ersten Moment in Blickweite den Anschluss halten möchte, merke ich vor allem in den Anstiegen mein zusätzliches Gewicht und lasse sie lieber fahren, um nicht zu überziehen. Außerdem weiß ich zumindest von Rainer Steinberger – dem späteren Sieger – dass er auf absolutem Topniveau unterwegs ist und das Rennen auch in der Vergangenheit in der Supported-Kategorie schon für sich entscheiden konnte.

Dolce – Das Rennen Phase 3 und Finish

So geht es in den Morgen. Das Wetter zeigt sich nochmals von seiner besten Seite und die ersten Sonnenstrahlen bringen neue Lebensgeister und auch paar Grad Celsius in die klamme Muskulatur.

So nutze ich den kurzen Stopp an der dritten und letzten Timestation auch, um eine neue Schicht Sonnencreme aufzutragen und die Beinlinge wieder in der Apidura Saddle Pack zu verstauen. Ab hier sind es jetzt „nur“ noch stark 200km bis ins Ziel, und ich habe meinen Vorsprung auf den Zweitplatzierten in der Zwischenzeit auf 2-3h weiter ausgebaut. Auf der einen Seite ein beruhigendes Gefühl, da damit sogar genug Zeit bleibt, um eine potenziell auftretende größere Panne zu kompensieren. Auf der anderen Seite aber schwierig für die Motivation, da ein veritabler Vorsprung natürlich dazu verleitet etwas den Zug von der Kette zu nehmen. Ein paar Kilometer nach der Timestation kommt passenderweise eine der längsten Abfahrten des Rennens, die einem mit mehr als 1.000 Höhenmetern bergab sowieso Zeit zur Erholung gibt. Motivierend ist auch, dass in der Abfahrt wieder ein Medienfahrzeug des Veranstalters auftaucht und eine schöne Sequenz von mir aufnimmt. Da kommt man sich als Hobbysportler gleich vor wie ein waschechter Vollprofi und es fällt leichter wieder etwas mehr Gummi zu geben. 🙂

Damit es am Ende nicht zu entspannt wird, hat der Veranstalter aber noch zwei längere Anstiege vor die Abfahrt ans Meer gepackt. Und vor allem der vorletzte Anstieg bereitet einen schon einmal hochprozentig auf den Schampus im Ziel vor… Aber irgendwann sind auch diese letzten Prüfungen geschafft. In der zweiten Hälfte des letzten Anstiegs realisiere ich auch, dass eine Chance besteht das Rennen unter 30 Stunden zu finishen, wenn ich wieder voll auf Racemodus schalte. Ich hatte zwar in der Rennvorbereitung mit einer Sub-30h Zeit geliebäugelt, aber an der dritten Timestation aufgrund sinkender Durchschnittsgeschwindigkeit dieses Ziel ad acta gelegt. Zudem war die Strecke durch die Umleitung und den ein oder anderen unfreiwilligen Umweg aufgrund verpasster Abzweigungen auch von ursprünglich 775 avisierten Kilometern auf über 790 Kilometer angewachsen.

Jetzt rückt dieses Ziel wieder in greifbare Nähe und ich bereite mich darauf vor, vor allem auf den letzten 30km am Meer entlang zurück nach Silvi, die Position auf den Aerobars nicht mehr zu verlassen. Da es davor von 1.299m zum Meeresspiegel hinab nochmals richtig lange bergab geht, bleibt für die mentale Vorbereitung auch genug Zeit. Kurz wird es in der Abfahrt nochmals hektisch, als mein Navi ausgerechnet kurz vor einem Kreisverkehr mit mehreren Ausfahrten abstürzt. Ein Problem, dass bei Aufzeichnungen mit mehr als 600km nicht das erste Mal bei mir vorkommt. Da scheinen die Wahoo Produkttests die typischen Anforderungen im Ultracycling offensichtlich nicht abzudecken 😉 Also kurzer Zwangsstopp, um meine Komoot-Backuplösung auf dem Handy zu aktivieren. So fehlen in meiner digitalen Aufzeichnung des RAI ca. 20 Minuten diverse Werte wie Herzfrequenz, Trittfrequenz und Leistung. Aber es gibt sicher schlimmeres. Mit etwas Gefrickel kann ich am Ende die Aufzeichnung trotzdem wieder zu einer Fahrt zusammensetzen. Denn wie wir alle wissen: „If it‘s not on Strava it didn’t happen ;-).“:

Link to Strava Recording of the Race Across Italy

An der Küste angekommen zünde ich den Endspurt und es geht beflügelt vom näher rückenden Ziel nochmal richtig zur Sache. Der ein oder andere Italiener auf Rennradausfahrt wundert sich sicher, warum ein voll bepacktes Rennrad im Bikepackingsetup full speed ahead an ihm vorbeikachelt.

Am Ortsschild von Silvi realisiere ich so richtig, dass es gleich geschafft ist, und eine veritable Gänsehaut überzieht trotz der mediterranen Temperaturen meinen Körper. In Summe hätte es nicht besser laufen können. Platz 1 bei den Unsupported-Startern und eine Traumzeit wird im Ziel mit einem großartigen Empfang gekrönt. Die Crew des Veranstalters empfängt jeden Finisher mit Moderation, Applaus und einer würdigen Zielbühne. Ich bin überglücklich im Ziel zu sein und dem Veranstalter unglaublich dankbar, dass sie das Rennen trotz aller Widrigkeiten der Pandemie durchgeführt haben. Und damit allen Athleten nach langer Abstinenz wieder eine Bühne und Motivation für ihren Sport bieten.

Die Zieleinfahrt und ein kurzes Interview gibt es auch wieder im Video des RAI Mediateams:

Digestivo – Nach dem Rennen ist vor dem Essen

Ich freue mich, den besonderen Moment im Ziel auch mit meinem Vater teilen zu können, der meinen Rennfortschritt verfolgt hat und rechtzeitig zu meinem Zieleinlauf wieder zur Stelle ist. Nachdem meine Rennmaschine im Auto verstaut ist, geht es erst einmal zum nahegelegenen Pizzastand und im Anschluss ins Eiscafé, um die Regeneration professionell mit italienischen Spezialitäten einzuläuten.

Im Hotel angekommen wird das Auffüllen der Energiespeicher nach einer kurzen Dusche dann gleich beim Abendessen fortgesetzt. That’s why we ride. 😉

Ich lasse beim Abendessen das Rennen gemeinsam mit meinem Vater Revue passieren. Besonders erleichtert bin ich, dass sowohl meine Zerrung als auch die Brandblasen an den Füßen auf der langen Distanz keine ernst zu nehmenden Probleme bereitet haben. Nur Schmerzen an der Außenseite des Vorfußes, die ich sonst nicht habe, lassen vermuten, dass ich unbewusst versucht habe die Ballen etwas zu entlasten. Speziellen Dank an dieser Stelle auch nochmals an meinen Vater, der sich vor allem auf der Heimfahrt am Folgetag als riesige Unterstützung erweist und weite Teile der Fahrt am Steuer bestreitet. Vielen Dank auch an alle, die mich über die sozialen Kanäle aus der Ferne angefeuert haben – ihr seid spitze! Und zu guter Letzt natürlich auch ein besonderes Dankeschön an meine Frau und meine zwei Jungs, die es dem Papa erlaubt haben, den ersten „Urlaub“ nach langem Lockdown ohne sie anzutreten. Bevor wir uns am Sonntag um die Mittagszeit allerdings auf den Heimweg machen, findet noch die offizielle Siegerehrung statt. Dass diese stattfinden kann, freut mich besonders, da hier die Gelegenheit besteht sich mit den anderen Finishern des Rennens auszutauschen und gemeinsam das Erreichte zu feiern.

Nach dem Rennen ist bekanntlich vor dem Rennen. Und so kreisen nach einiger Zeit der Erholung das Training und die Gedanken im Sport schon wieder um das nächste Event, bei dem es mich wieder nach Italien ziehen wird. Beim Italy Divide geht es Anfang Juli mit dem MTB von Süd (Pompei) nach Nord (Nördlicher Gardasee) auf etwas rauerem Terrain wieder richtig zur Sache. Ich freue mich, dass ich auch dabei wieder auf Equipment meiner Unterstützer zählen kann. Danke an Witttraining, Orbea, Sponser, Wolfpack Tires, Apidura, Power2Max, Royal Bike Wear und Kask Helmets!

Race Across Italy – let’s get ready – der Start rückt in greifbare Nähe

Ich tippe diese Zeilen auf dem Autobeifahrersitz, während ich mich durch die Schweiz auf dem Weg gen Süden nach Italien befinde. Schweiz, Italien?! In COVID-19 Zeiten? Tatsächlich hat es der Veranstalter des Race Across Italy geschafft, das Event, das auch offizielle Europameisterschaft der World Ultracycling Association der 500-Meilen Kategorie ist, in den italienischen Kalender der Sportevents mit nationaler Bedeutung aufnehmen zu lassen. Das bedeutet konkret, dass die sonst geltende Quarantäne bei Einreise, das Reiseverbot im Land und auch die nächtlich geltende Ausgangssperre für Teilnehmer der Sportveranstaltung und deren Crew, aufgehoben sind. Und so bin ich jetzt nach langer unfreiwilliger Wettkampfabstinenz endlich einmal wieder auf dem Weg zu einer Startlinie 🙂

Da es sich um Ultracycling mit Einzelstart, Windschattenverbot und einem überschaubaren Teilnehmerfeld mit weniger als 80 Startern handelt, und auch das Hygienekonzept absolut überzeugend ist, habe ich auch ein gutes Gefühl mich ins Abenteuer Race Across Italy zu stürzen. Und wie es sich für ein „richtiges Abenteuer“ gehört, haben wir einen Papierstapel mit bürokratischen Ausnahmegenehmigungen, negativen Testergebnissen und Haftungsfreistellungen in diversen Sprachen im Handschuhfach 😉

Wer ist eigentlich wir? Ich starte in der Solo self-supported Kategorie des RAI 775. Während des Rennens ist also keine externe Unterstützung für mich erlaubt. Da ich pandemiebedingt die 1.100km weite Hin- und Rückreise allerdings mit dem Auto statt dem Flieger bewältige, habe ich mir für die Fahrt Verstärkung am Steuer gesucht. Und wer wäre da besser geeignet als mein bereits zweifach geimpfter Vater, der sich dankenswerterweise angeboten hat, sich am Steuer mit mir abzuwechseln.

Die Strecke / Livetracking

Vor Ort erwartet mich ein spannender ca. 775km langer Rundkurs von Silvi (TE) an der Ostküste einmal quer durch Italien zur Westküste und zurück:

Source: https://www.followmychallenge.com/live/rai775

Versüßt wird einem die schöne Landschaft mit ca. 11.000 Höhenmetern, die sich den Startern in Form von einigen größeren und vielen kleinen Anstiegen in den Weg stellen.

Den genauen Streckenverlauf und auch das Live Tracking (Dot Watching) während dem Event könnt ihr unter folgendem Link sehen:

https://www.followmychallenge.com/live/rai775

Ablauf

Nach der langen Anfahrt heute, werde ich am Donnerstag vor Ort noch den obligatorischen COVID-19 Test absolvieren, das Equipment präparieren und mich auf einer letzten lockeren Trainingsrunde akklimatisieren. Am Freitag rolle ich dann um 9:56Uhr von der Startrampe. Da es sich um ein Straßen- und kein MTB-Rennen handelt, sollte ich, wenn unterwegs alles glatt läuft, am Samstagabend im Ziel eintrudeln. Die obligatorische Zielpizza wird mich auf jeden Fall motivieren nicht zu trödeln, um nicht Gefahr zu laufen, dass die Pizzeria im Zielbereich schon geschlossen hat.

Ich freue mich aber natürlich auch wieder über „Anfeuerungsrufe“ von euch aus der Ferne über die Social-Media Kanäle, wenn es bis zur Pizza als alleinige Motivation noch etwas weit ist. 😉

Vorbereitung

Materialseitig darf endlich auch mein Orbea ORCA erstmals Rennluft schnuppern. Ausgestattet mit Wolfpack Pneus, Sponser Verpflegung, Royal Bike Wear Klamotten und einer optimierten Sitzposition von meinem Coach Thorsten Witt (https://witt-training.de/) wird es auf jeden Fall nicht am Equipment  scheitern 😊

Die körperliche Vorbereitung war allerdings die letzten Wochen nochmals richtig spannend. Am 16.4. habe ich beim Aufstehen von einem Tisch saudumm mein linkes Bein am Tischfuß eingefädelt. Die Schmerzen beim Weglaufen, als mein Fuß einfach stehen geblieben ist, hielten sich unmittelbar danach noch im Rahmen. So dass ich eigentlich dachte, dass sich das Problem mit ein oder zwei Tagen humpeln von allein erledigen würde. Als über Nacht die Schmerzen aber massiv wurden, und ich auch liegend keine schmerzfreie Position mehr einnehmen konnte, hat mich die Sorge am nächsten Tag doch zum Arzt getrieben. Die erste Diagnose mit Verdacht auf knöchernen Bandabriss an der linken Hüfte hat mich ziemlich schockiert. Zum Glück gab es nach weiteren Untersuchungen die kommenden Tage (2x Röntgen, 1x MRT) Entwarnung. „Nur“ eine Zerrung an der Verbindung des Rectus Femoris mit dem Becken, die sich entzündet bzw. Flüssigkeit angelagert hatte. Nach ein paar Tagen sind die akuten Schmerzen abgeklungen, was zum einen ein echter Booster für meine Nachtruhe war, und zum anderen auch den Start mit leichter, regenerativer Bewegung auf der Rolle wieder ermöglicht hat. Zum Glück verlief die weitere Heilung im Turbogang und ich konnte bereits am darauffolgenden Wochenende wieder stärker belasten und nach und nach auch die Trainingsintensität wieder hochfahren. Die Zwangspause kam zwar zur Unzeit in der letzten heißen Phase der Vorbereitung, aber ich hoffe inständig, dass ich während dem Rennen keine Probleme mehr bei der langen Belastung bekommen werde. Ob es geklappt hat, wissen wir dann am Samstag – drückt mir die Daumen.

Presse – Vaihinger Kreiszeitung 12.10.2019 – Ein Neuer ist in Altersklasse ganz vorne

Böhringer, ab 2020 Teil des Teams Witttraining, gewinnt Senioren-II-Wertung beim Charity Bike Cup

Den Artikel gibt es auch online: https://www.vkz.de/sport/sonstige/ein-neuer-ist-in-altersklasse-ganz-vorne/

Lila Logistic Charity Bike Cup – mein erstes Straßenrennen

Am 3.10.2019 bin ich mein erstes Straßenrennen beim Lila Logistik Charity Bike Cup gefahren. Platz 1 in der Altersklasse und 13. Gesamt 🙂 Hätte nicht gedacht, dass ich die Spitzengruppe bis zum Schluss halten kann, da die krassen Tempowechsel eines Straßenrennens nicht so ganz zu meinem Langstreckenprogramm passen.

Aber es hat schließlich geklappt und die Pro‘s haben die Spitzengruppe erst auf den letzten 500m vollends zerlegt. Zu dem Zeitpunkt konnten meine geschundenen Beinchen dann keinen Widerstand mehr leisten und die Gesamtsieger haben noch 4,5Sekunden rausgefahren.

War mein erstes Straßenrennen mit Fahren im Pulk. Am Anfang mental einfach nur tierisch anstrengend, aber mit der Zeit ging es dann und der Spaß am Speed in der Gruppe stand im Vordergrund und es hat richtig Laune gemacht. War sicher nicht mein letztes Straßenrennen. 🙂

https://strava.app.link/2zq0foyEu0

In der kommenden Saison starte ich im Team.witttraining. Der zugehörige Rennsuite hat sich heute auf jeden Fall schon einmal bewährt.

#Riding4Europe – ein perfekter Saisonauftakt

Dieses Jahr liegt der Schwerpunkt meiner sportlichen Wettkampfplanung ganz klar auf der MTB-Langstrecke. Mit den 24h Alfsee im Mai (http://24h-alfsee.de/), dem Navad 1000 im Juni (1.000km/31.000hm Bikepacking – http://www.navad.ch) und den 12h Külsheim im Juli (http://www.12stundenrennen.de/) ist jeden Monat für reichlich Spaß gesorgt.

Am vergangenen Wochenende stand aber ein weiteres Highlight ganz ohne Wettkampfcharakter im Vordergrund. Mit #Riding4Europe hat Stefan Barth eine großartige Aktion ins Leben gerufen. Kurz gesagt geht es darum den Europäischen Gedanken ins Bewusstsein zu rufen.

Zitat aus seinem Blog (https://barthsman.wordpress.com/2019/02/10/riding4europe/):

Wir leben in einer Zeit, in der vermehrt wieder nationalistische Bewegungen in Europa aufkommen. Trotz der längsten friedvollen Periode in Zentraleuropa überhaupt. Dies ist eine Errungenschaft des vereinten Europa und wird derzeit durch nationalistische Bewegungen leichtfertig aufs Spiel gesetzt. Daher möchte ich aufzeigen, dass Europa im Grunde kleiner und zusammengehöriger ist, als man manchmal denken mag. Am sichtbarsten für den Einzelnen werden die Vorteile im freien Personenverkehr – weshalb ich mir für 2019 vorgenommen habe an vier Wochenenden alle deutschen Nachbarländer per Fahrrad zu besuchen.

Die Planung seiner ersten Tour führt von Frankfurt an den Bodensee, um diesen dann gegen den Uhrzeigersinn einmal zu umrunden und dabei mit der Schweiz und Österreich die ersten beiden Nachbarländer zu befahren. Da Stefan ein cooler Typ ist, ich sein Europäisches Statement voll unterstütze und sich der Termin mit unseren privaten Plänen in Einklang bringen ließ, war ich natürlich gleich dabei 🙂 Und so stand ich am Freitagfrüh gemeinsam mit Stefan, seinem Freund Karsten und unseren drei Fahrrädern am Frankfurter Zoo, um gen Süden aufzubrechen.

 

Das Wetter zeigt sich von seiner besten Seite und es ist sowohl für Freitag als auch für Samstag strahlender Sonnenschein auf der Strecke angesagt. So kann selbst die Rush Hour in Frankfurt unserer guten Laune nichts anhaben und wir fahren zu dritt über Darmstadt nach Heidelberg. Von hier aus geht es erst einmal zu zweit weiter, da Karsten nicht die komplette Strecke dabei sein kann und sich wieder auf den Rückweg macht.

 

Stefan und ich fahren somit im Zweiergespann weiter bis nach Pforzheim.

 

Am Ufer der Enz angekommen genehmigen wir uns erst einmal einen leckeren Kuchen. Zufälligerweise treffen wir dort auch Patrick Gall, der gerade aus Südafrika vom Cape Epic zurückgekommen ist und wohl ebenfalls plant seinen Kalorienhaushalt wieder auszugleichen 😉

 

Der ein oder andere, der meine übliche Verpflegungsstrategie für die Langstrecken kennt, wird sich evtl. wundern, da ich normalerweise rein auf Flüssignahrung setze. Die Erklärung findet sich in meiner diesjährigen Teilnahme beim Navad 1000. Es handelt sich dabei um ein MTB-Bikepacking Rennen, bei dem selbst die schnellsten (der Rekord liegt bei über 4 Tagen und 4 Stunden) mehrere Tage unsupported unterwegs sind. Eine Dauer bei der der Transport der benötigten Verpflegung für die komplette Distanz nicht in Frage kommt. Deshalb setze ich beim #Riding4Europe ganz bewusst auf einen bunten Mix aus Nahrung, die man überall am Wegesrand an Eisdielen, Gaststätten oder Tankstellen „findet“. Und erprobe wie mein Körper unter sportlicher Belastung damit zurechtkommt. Und gleich vorweg… lief super. Zumindest bei der niedrigen Intensität, die auf einer solchen Langstrecke angesagt ist, hatte ich keinerlei Beschwerden und habe mich deshalb auch fürs Navad 1.000 dazu entschieden Gewicht zu sparen und mit minimalem „Verpflegungsbalast“ an den Start zu gehen.

Die Eisdiele bleibt nicht der einzige Verpflegungsstopp. So finden nach und nach diverse Leckereien ihren Weg in meinen Magen und versuchen das Kaloriendefizit in Grenzen zu halten.

 

Aus Pforzheim heraus fahren wir dann in den Abend und das wunderschöne Nagoldtal hinauf nach Calw, bevor wir dann in das auf und ab der Hügel der Schwäbischen Alb eintauchen. So sehr uns die Sonne tagsüber auch verwöhnt, so unbarmherzig zeigt sich der sternenklare Himmel in der Nacht. Die Temperaturen, die tagsüber lange Zeit über 20° C liegen, und ein fahren in kurzer Hose und kurzem Trikot erlauben, sinken in der Nacht für viele Stunden auf den Gefrierpunkt. So ziehen wir nach und nach so ziemlich alles an, was unsere Satteltaschen an Kleidung hergeben.

Ich bin sicher in meiner gesamten Radlerlaufbahn noch nie so lange in solch einer Kälte gefahren – in irgendeinem Kälteloch fällt die Temperatur kurzzeitig sogar auf -4° C. Das führt auch dazu, dass wir Verpflegungsstopps in der Nacht und am frühen Morgen immer auch zum Auftauen der Hände und Füße nutzen. So lernen wir z.B. morgens um 6Uhr in einem Supermarkt in der Schweiz das gesamte Sortiment inklusive Platzierung im Markt auswendig, da wir beim Versuch die tauben Zehen wieder aufzutauen jeden Gang mehrfach abschreiten 🙂

Durch die niedrigen Temperaturen und die wohltuenden Aufwärmpausen kommen wir auch nicht ganz so schnell voran, wie wir ursprünglich dachten, kommen aber schließlich morgens um kurz vor halb vier an der Schweizer Grenze in Stein am Rhein an. Ein cooler Moment, da damit auch das erste Nachbarland und der erste Meilenstein der #Riding4Europe-Aktion erreicht ist.

 

Ein weiteres Highlight ist, dass Markus Spieth es sich nicht nehmen lässt und in aller Herrgottsfrühe aus dem Bett springt, um uns von der Schweizer Grenze an für 30km zu begleiten, bevor er aus Termingründen leider wieder schnell zurückfahren muss. Stefan und ich freuen uns beide sehr über das Wiedersehen mit Markus und schießen vor dem Abschied auch schnell noch ein paar Bilder.

 

Die restlichen Kilometer auf der Schweizer Seite werden uns mit einem wunderschönen Morgenrot über dem See versüßt.

 

Da es aber trotzdem nicht wärmer wird, sind es für mich die schwersten Kilometer der gesamten Tour. Zum Glück erwartet uns um kurz nach 7 Uhr Stefans Freund Amadeus an der Grenze nach Österreich in Gaißau. Er wohnt in der Nähe und ist mit seinem Lastenrad an die Strecke gekommen, um uns mit heißem Kaffee, Tee und ein paar Frühstückssnacks in Österreich zu begrüßen.

 

Und nicht nur das. Er begleitet uns die restlichen 75km bis ins Ziel nach Überlingen. Unfassbar was für ein Tempo er mit dem schweren Gefährt in den Asphalt brennt! Dabei kommt ihm sicher seine super Fitness als Ultra Trailrunner zugute.

 

Auf jeden Fall müssen wir ein lustiges Bild abgegeben haben. Zwei Rennradfahrer mit Aeroaufsatz und ein Lastenrad flitzen um den See. Zumindest er kommt dabei gut weg 🙂

So vergehen die letzten Stunden bei abwechslungsreichem Geplauder schnell, und wir kommen kurz vor 11Uhr bei zwischenzeitlich wieder warmen Temperaturen am Ziel in Überlingen an, wo uns Stefans Schwester in ihrer Wohnung empfängt und uns nach allen Regeln der Kunst mit einem leckeren zweiten Frühstück verwöhnt.

Damit endet unsere gemeinsame Reise. Stefan verbringt noch Zeit mit seiner Familie und Amadeus radelt kurzerhand mit dem Lastenrad wieder nach Hause (ich denke 150km sind die längste Lastenradtour, die an diesem Wochenende rund um den Bodensee stattgefunden hat).

Ein toller Start der #Riding4Europe Ultracycling-Aktion. Die Tour war so früh im Jahr alles andere als einfach, aber ich habe wieder einmal nette Menschen auf und abseits des Rades kennen gelernt und nebenbei auch gleich noch den ein oder anderen Erfahrungswert gesammelt, der mir mit Sicherheit beim Navad 1000 zugutekommen wird. Ein tolles Erlebnis, von dem ich rückblickend nichts missen möchte (okay, meine Zehen sehen das vielleicht etwas anders). Vielen Dank an alle, die mich am Start, Ziel oder auch auf der Strecke mit Gastfreundschaft empfangen bzw. mit dem Rad begleitet haben. Besonderer Dank geht natürlich an Stefan, für die Organisation/Routenplanung und natürlich für die Gemeinschaft unterwegs!

Da das Wetter tipp top ist, entschließe ich mich die körpereigene Vitamin-D Produktion noch etwas anzukurbeln, lasse die Deutsche Bahn links liegen und mache mich frisch gestärkt mit dem Fahrrad auf den Weg nach Hause. Die Rampen der Schwäbischen Alb zerren zwar nochmal ganz schön an den müden Beinchen, aber eine bessere mentale Vorbereitung auf die Strapazen der 24h Alfsee im Mai kann ich mir wohl gar nicht wünschen. Zum Glück steht dick „Recovery Week“ im Trainingsplan für die kommende Woche 😉

Presse – Bietigheimer Zeitung 4.7.2018 – In Bestzeit von Flensburg nach Garmisch

Der Tammer Jochen Böhringer hat beim Race Across Germany – ein Non-Stop-Ultracycling-Rennrad-Rennen von Flensburg nach Garmisch über 1100 Kilometer und etwa 7500 Höhenmeter – in der .Kategorie „non-supported“ (also ohne Unterstützung durch ein Begleitfahrzeug) den Sieg eingefahren.[…]

https://www.swp.de/sport/mehr-lokalsport/bietigheim-bissingen/in-bestzeit-von-flensburg-nach-garmisch-27088173.html

Race Across Germany 2017 – Bericht meiner Begleitcrew

Ein Bericht zum Race Across Germany aus Sicht meiner Begleitcrew, die auch alle zum ersten Mal an einem Ultra Cycling Event teilgenommen haben, und deren Einsatz ich gar nicht hoch genug würdigen kann:

Andreas:

Wir hatten ja keine Ahnung auf was wir uns da eingelassen haben. Blauäugig wie wir waren dachten wir das werden zwei ziemlich langweilige Tage die wir da hinter Jochen her rollen. Vor allem Uta unsere Physiotherapeutin hatte sich auf viel Langeweile eingestellt, schließlich muss Jochen während dem Rennen sicher nur 2-4 Mal massiert werden. Aber es kam alles anders…

Der Morgen von Jochens Start verlief noch recht ruhig – wir hatten 30 Minuten am Startplatz um Jochen vorzubereiten – an unsere Vorbereitung hat dabei niemand gedacht. Der erste Stress für uns begann also direkt nach dem Startschuss – Jochen war längst hinter der ersten Kurve verschwunden und keiner wusste wie man das GPS dazu bringt den Streckenverlauf anzuzeigen oder darauf zu navigieren. Sämtliche Navigationsanweisungen waren ständig nur: “Macht einen U-Turn und fahrt zurück (zum Startpunkt?)”. Geistesgegenwärtig haben wir das Ersatz-Fahrrad-GPS angeworfen und waren von dem Zeitpunkt an wieder sicher auf dem richtigen Weg zu sein. Nur als nach 15 Minuten immer noch keine Spur von Jochen zu sehen war kamen wieder Zweifel – er kann doch nicht soooo schnell sein, oder doch? Er war so schnell…

Von da an verging die Zeit wie im Flug, Jochen hat stündlich etwas zu essen und zu trinken bekommen – je nach Verkehrslage und Straßenverlauf hat sich die Übergabe durchs Beifahrerfenster während der Fahrt auch mal über 10 Minuten hingezogen. Unserem Zeitgefühl konnten wir dabei nicht trauen – häufig war die Reaktion eher: “Schon wieder?” Uta hat neben der Fahrstilberatung und Optimierung die Dokumentation der zugeführten Kalorien, Pausen und Zwischenzeiten übernommen.

Das Laden der Geräte war definitiv eine Herausforderung. Im Nachhinein hätten wir uns farbkodierte Kabel (nach Steckertyp) gewünscht und eine Box für die zu ladenden Geräte. Der komplette Fußraum zwischen Fahrer und Beifahrersitz lag voll mit Geräten und es war nie klar ob gerade ein passendes Kabel frei ist oder der Ladevorgang eventuell unterbrochen wurde da das Kabel rausgerutscht ist. Immerhin war Jochen am zweiten Tag geistesgegenwärtig genug uns mittags daran zu erinnern, dass seine Lampe für die Nacht noch geladen werden muss – wir hätten den Lampenakku sonst vergessen.

Ein persönliches Low-Light war definitiv als ich übermüdet in der zweiten Nacht am Steuer des Wohnwagens hinter Jochen den Berg mit etwa 60 km/h hinunterfuhr und realisierte: Wenn er jetzt stürzt habe ich keine Chance rechtzeitig zu bremsen – ich würde ihn überfahren. Und Matze der gerade hinten im Wohnwagen in der Küche neue Fahrradflaschen füllt wird quer durch den Wohnwagen geschleudert – und die im hinteren Bett schlafende Uta bekommt dabei auch mehr als ein paar blaue Flecke ab. Was tun? Mehr Abstand halten? Mehr Abstand halten bedeutet aber auch, dass Jochen nicht mehr vom Fernlicht des Wohnwagens profitieren könnte und dementsprechend den Zustand der Straße eventuell nicht richtig einschätzen kann.

Ich hatte es mir zum Ziel gemacht Jochens Facebook Profil regelmäßig zu aktualisieren, was nicht immer so einfach war, da wir größtenteils Abseits großer Straßen und Städte unterwegs waren und wir häufig nur das mobile Steinzeit Internet (EDGE) nutzen konnten. Das Feedback seiner Freunde auf die Beiträge hat uns im Auto aber die Zeit vertrieben und Jochen definitiv motiviert – dank Sprechfunk haben wir ihn immer sofort über die neuesten Kommentare informieren können. Man war plötzlich nicht mehr alleine unterwegs, sondern alle seine Freunde waren bei uns. Dank Konferenzschaltung haben wir auch den einen oder anderen direkt telefonisch mit Jochen verbunden.

Die Verpflegung im Begleitfahrzeug: Wir hatten ja leider kein Begleitfahrzeug welches uns regelmäßig mit Essen versorgt hat, daher war ursprünglich der Plan, dass wir mit dem Wohnmobil irgendwo anhalten und uns etwas zu essen kochen. Wir haben das am ersten Tag probiert – ein schnelles Essen: lauwarme Maultaschen mit Ei. Wir haben über eine Stunde benötigt um Jochen wieder einzuholen – das heißt wir haben Jochen knappe 2 Stunden alleine gelassen – eine schlechte Situation für Jochen, da während der Zeit auch noch das Wetter umgeschlagen ist und er eigentlich eine Regenjacke benötigt hätte. Am zweiten Tag gab es morgens ein kurzes Müsli und ein schnell geschmiertes Brötchen – nachmittags haben wir irgendwann realisiert, dass wir ja eigentlich etwas essen sollten – ein weiteres Brötchen und ein paar Kekse waren dann alles für den Tag. Kaffee gab es auch keinen mehr, da Wasser so lange braucht zum Kochen. Beheizbare Kaffee-Thermoskannen wären eine super Idee gewesen.

Das Thema Schlaf: Welcher Schlaf? Wenn ich eins gelernt habe am Wochenende dann wie effektiv 15 Minuten Schlaf sein können – auch wenn man selber der Meinung ist man hat keine Sekunde geschlafen. Da wir jederzeit Fahrer und Beifahrer benötigt haben konnte immer nur einer Schlafen – rein rechnerisch standen also jedem knappe 3 Stunden Schlaf pro Nacht zu – und dies in einem fahrenden Wohnmobil. Das Einschlafen war eine echte Herausforderung, mein Gleichgewichtssinn hat ständig gemeldet: “Du fällst nach links, jetzt nach rechts, ne doch links…” und das Kopfkino hat sich überlegt was wohl bei einem Unfall mit mir passiert – nach zwei Stunden bin ich frustriert wieder aufgestanden – gefühlt ohne tatsächlich geschlafen zu haben. In der zweiten Nacht habe ich mich an die Wohnmobilwand gelehnt und das fallende Gefühl wurde besser, aber auch diesmal bin ich von selber wieder aufgewacht – lange bevor mein eigentliches Schlafkontingent erfüllt war.

Was für ein tolles Team wir waren und wie gut doch alles funktioniert hat, habe ich erst im Ziel realisiert als der Veranstalter mich ausgefragt hat wie die Stimmung von Jochen während der Fahrt war und ob es Zoff gab. Er erzählte mir das deswegen schon Teilnehmer abgebrochen haben oder Begleitfahrzeuge ihren Dienst eingestellt haben und der Fahrer aufgeben musste. Wir hatten ungelogen kein böses Wort während der ganzen Fahrt.

Ergänzung Matthias:

Als Jochen das erste Mal von seiner Idee berichtet hat, das RAG mitzufahren, war mir klar dass ich ihn dabei unterstützen muss. Dass es so ein stressiges langes Wochenende wird war mir nicht klar! Ich hatte sogar eine Zeitung im Gepäck um auftretende Langeweile zu bekämpfen – im Nachhinein eine wirklich lächerliche Annahme.

Wir drei im Begleitfahrzeug hatten wirklich immer gute Laune und haben uns gut ergänzt. Andy hat mit seinen Bildern und Facebook Posts einen wichtigen Beitrag zu Jochens Erfolg geleistet. Es hat mich regelmäßig überwältigt wie viel Anteilnahme und Support von der Facebook Gemeinde kam!

Mit Uta gab es unglaubliche Unterhaltungen und je müder wir wurden desto lustiger wurde es. Ihr hat es Jochen zu verdanken, dass er es so lange so gut auf dem Rad ausgehalten hat.

Jochen war ein guter Fahrer, ich habe mir im Vorfeld schon oft überlegt wie es sein wird wenn es nicht läuft, aber es lief gut und Jochen war zu jeder Zeit bereit seine Flüssignahrung aufzunehmen und Utas Anweisungen zu befolgen.

Nach der ersten längeren Pause musste ich Jochen mehrmals erklären, dass er nicht letzter ist, er war fest der Meinung während der Pause von allen überholt worden zu sein und der langsamste zu sein…irgendwann hat er es dann endlich eingesehen, dass er gut dabei ist und die anderen auch mal eine Pause machen, er will halt immer recht haben 😉

Am zweiten Tag habe ich Jochen ein paar Kilometer auf meinem Rad begleitet, wie gerne hätte ich ihm bei dem unglaublichen Gegen- und Seitenwind Windschatten gegeben, aber das war ja nicht erlaubt! Es hat mich fast zerrissen, ich hätte ihm so gerne mehr geholfen!

Das absolute Low-light waren manche Autofahrer die uns trotz Kennzeichnung auf dem Wohnmobil schimpfend und hupend überholt haben. Manche haben so leichtsinnig und unverschämt überholt, dass wir Jochen die letzten 20h nicht mehr vom Hinterrad weichen wollten. So konnten wir wenigstens verhindern, dass ihn jemand in den Graben fährt.

Die letzten Kilometer waren eine Qual für Jochen und es hat auch uns gequält das anzusehen, aber wir wollten alle nach Garmisch! Die Einfahrt dort war überwältigend, wir standen alle voll unter Strom und es war toll dass Jochen es innerhalb seiner Wunschzeit geschafft hat!

Zu sehen wie schlecht es ihm nach dem Zieleinlauf ging, war nicht schön, aber nach ein paar Stunden Schlaf sah er schon wieder besser aus.

Wir haben alle viel Zeit und Kraft in dieses Rennen investiert, Montags hat es sich so angefühlt, als hätte ich all meine Energie und Kraft an Jochen abgegeben – ich war total erledigt, aber trotzdem glücklich Jochen bei diesem Wahnsinn gut ins Ziel gebracht zu haben.

 

 

Race Across Germany – 1.100km – 7.500hm – 47h35min Einzelzeitfahren von Flensburg nach Garmisch

Race Across Germany – 1.100km – 7.500hm – 47h35min Einzelzeitfahren von Flensburg nach Garmisch

Bei meinem ersten Ultra Cycling Abenteuer wurde ich unterstützt durch „Bosch – My Insurance“ (www.bosch-my-insurance.de). Einen Bericht, den ich für das Bosch Intranet geschrieben habe, möchte ich auch gerne mit euch teilen, die mich über Facebook mit Durchhalteparolen unterstützt haben. Da die Mischung von Bildern und Text sich in Facebook Postings schwierig gestaltet ist dies auch mein erster Versuch mit WordPress 😉

Am 30.06. nach all der Vorbereitung war es dann endlich soweit und mein Team und ich standen gemeinsam mit 30 weiteren Teilnehmern an der Startrampe in Flensburg. Die Kurzzusammenfassung: es war verdammt hart, das Team ist alles, Mission accomplished.

 

 Die Details in fünf Akten hier im ausführlichen Bericht:

 

Die Challenge…

bestand darin die 1.100km als Einzelzeitfahren zu meistern. D.h. Windschattenfahren bei anderen Teilnehmern oder fremden Radfahrern war nicht gestattet – jeder Radler war mit seinem Begleitteam auf sich allein gestellt. Da es keine Einteilung in Etappen gab, konnte jeder Teilnehmer selbst entscheiden, ob und wie er seine Pausentaktik wählt. Da es meine erste Teilnahme an einem Ultra Cycling Rennen war und somit keine Erfahrungswerte zur Länge benötigter Schlafpausen und sonstiger Stopps vorhanden war, wurde im Vorfeld ein Plan auf Basis meiner Wunschzeit (48 Stunden) und Infos aus Erfahrungsberichten von Teilnehmern anderer Langstreckenevents erstellt. Konkret war meine Idee 5 längere Pausen (30-45min) für Massagen, Powernaps, Wartungsarbeiten am Rad und Kleidungswechsel zu nutzen, aber auch flexibel zu reagieren, wenn es die Situation erfordern würde.

Bosch_Express
Bosch Express

Und das tat sie…das Wetter war bereits zum Start von Dauerregen geprägt. Und dieser Dauerregen hielt auch die ersten ca. 28 Stunden mit nur kurzen Unterbrechungen an.

Dauerregen
Dauerregen

So wurde die erste Pause deutlich nach hinten verlegt, da wir immer in der (unerfüllten) Hoffnung weiterfuhren, dass es bald zu regnen aufhören würde und ich nach der Pause mit frischer, trockener Kleidung aufs Rad steigen könnte. Schlussendlich wurde vor Einbruch der Dunkelheit dann doch eine längere Pause mit Massage, Fahrradwartung, Lichtmontage und Kleidungswechsel eingelegt, obwohl die trockenen Sachen bereits wenige Kilometer nach der Pause wieder durchnässt sein sollten. Die Stimmung im Team und meine Motivation waren bis zur Pause trotzdem gut, da wir außer einem platten Vorderreifen und leichten Scheuerstellen in den Kniekehlen bisher keine Probleme hatten und auch sehr gut im gesteckten Zeitplan lagen.

Nachtfahrt
Nachtfahrt

So kämpften wir uns durch die Nacht (und das Bergland bei Kassel) und nach einer weiteren Massagepause im Morgengrauen, die ich auch für einen 5-minütigen Powernap nutzte wurde der zweite Tag eingeläutet.

Das Ziel…

die 48h Marke zu knacken (und damit die Qualifikationszeit zum Race Across America – RAAM – zu schaffen) war zu diesem Zeitpunkt noch realistisch, aber die ersten 600km im Dauerregen bei Temperaturen zwischen 10 und 15 Grad machten meinen Knien zusehends zu schaffen. Am späten Vormittag zeigte sich der Wettergott zwar von seiner gnädigen Seite und stoppte die Regenfluten (im Tausch gegen starke Seiten- und Gegenwinde), aber Schmerzen und eine Schwellung in den Knien ließen die Leistung deutlich sinken und der Zeitplan geriet immer mehr in Bedrängnis. Bei einer weiteren Physiobehandlung am Nachmittag war klar, dass das Ziel neu justiert werden musste und das neue realistische Ziel das Finish im Zeitlimit von 57h sein sollte.

Utas_magische_Haende
Utas magische Hände

So ging es dann Kilometer um Kilometer durch die hügelige Landschaft. Die reduzierte Geschwindigkeit und der warme Wind waren zwar schlecht für die Moral, aber scheinbar gut für meine Knie. Die Schmerzen ließen im Laufe der Zeit wieder nach und mit nachlassendem Schmerz kam auch die Leistung und höhere Geschwindigkeiten zurück. So ging es in den Abend und als das Teilnehmer-Tracking mich nur noch wenige Kilometer hinter dem amtierenden Deutschen 24h-Mountainbikemeister (Fritz Geers) zeigten und wir ihn dann sogar überholen konnten, war im Kopf wieder alles im Lot und ich musste mich sogar zurückhalten, um nicht deutlich zu schnell in die zweite Nacht zu radeln – die 48h Zielzeit waren wieder in greifbarer Nähe! Dieses Hoch hielt bis nach Mitternacht an, aber mit zunehmender Belastungsdauer und vielleicht auch der Kühle der Nacht kamen die Schmerzen in den Knien wieder unbarmherzig zurück. Kurz vor der Morgendämmerung forderte dann auch die Müdigkeit schließlich ihren Tribut und beim Anzeichen erster Halluzinationen und Sekundenschlafattacken wurde sofort die letzte längere Pause und damit ein 15-minütiger Powernap eingelegt. Die letzten 70km und Höhenmeter nach Garmisch wurden dann zur wahren Herausforderung des RAG. Die Knie wollten nicht mehr, das schlechte Wetter kam mit Regen zurück und der Kilometerzähler bewegte sich nur noch unendlich langsam vorwärts. Doch auch diese Stunden gingen – vor allem dank meines super motivierenden Teams – vorüber und mit der Einfahrt in den Zielbereich direkt vor der Olympiaschanze in Garmisch hat mich mein Körper auch mit einer Endorphindusche der Extraklasse belohnt. Die Strapazen waren zumindest für einen kurzen Moment vergessen und verdrängt durch das überschwängliche Glücksgefühl das RAG auf Platz 4 gefinisht und mit 47h35min sogar mit einer Qualifikation fürs Race Across America beendet zu haben.

Im_Ziel_in_Garmisch
Im Ziel in Garmisch

Die Verpflegung…

kann man durchaus als eintönig bezeichnen. Um kein Risiko mit Magenproblemen einzugehen wurde – beginnend mit dem Frühstück vor dem Rennen – während des gesamten RAG komplett auf Flüssignahrung gesetzt. D.h. penibel überwacht durch mein Begleitteam habe ich jede Stunde eine 200ml-Mahlzeit (300kcal) Ensure Plus „genossen“. Ensure Plus wird normalerweise bei gesundheitlich eingeschränkten Menschen zur enteralen Ernährung verwendet und ist in 6 allesamt klebrig-süßen und nach 2 Tagen Dauerkonsum nur noch mäßig leckeren Geschmacksrichtungen zu haben 🙂

Verpflegungsgenuss

Dazu gab es dann immer noch eine Fahrradflasche kohlenhydratreiches Isogetränk – je nach aktuellem Empfinden mal mit, mal ohne Koffeinzusatz. Da ich während dem gesamten RAG keinerlei verpflegungsbedingte Beschwerden oder Schwächephasen hatte, würde ich jederzeit wieder auf diese Strategie setzen.

Nach so viel einseitiger Ernährung während der Belastung, muss im Ziel natürlich für Ausgleich gesorgt werden:

Regenerationsbeschleuniger_im_Ziel
Regenerationsturbo im Ziel nach der Siegerehrung

 

Das Team…

ist neben einer guten körperlichen und mentalen Vorbereitung sicher der größte und nicht zu unterschätzende Erfolgsfaktor. Und ich hatte das beste Team, das man sich nur wünschen kann! Uta (Physio und Quell unerschöpflichen Wissens), Matthias und Andreas (je Wohnmobilfahrer, Mechaniker, Social Media Reporter, Fotografen, Mentalcoaches, …) hatten sich auf eine ziemlich langweilige Fahrt einmal längs durch Deutschland eingestellt. Bezeichnend, dass sie sich alle Studiumsunterlagen, Zeitungen und andere Ablenkung eingepackt hatten und meine größte Sorge im Vorfeld war eigentlich auch, dass sich die Crew zu Tode langweilt… doch nichts davon wurde wirklich gebraucht.

Team_Bosch_My_Insurance_im_Wohnmobil
Gesamtes Team (von links): Andreas, Uta, Jochen, Matthias

Das Team war mit meiner Verpflegung aus dem fahrenden Wohnmobil, Fotos schießen, Navigation, Massagen, Fahrradwartung, Aufladen diverser elektronischer Geräte und meiner Motivation mehr als ausgelastet und kam kaum dazu sich um die eigenen Belange wie Schlaf und Essen zu kümmern.

Elektrosmog
Elektrosmog (kleine Auswahl) im Wohnmombilfußraum

So hat in der Nacht zwar immer ein Crewmitglied versucht im Wechsel zu schlafen, aber das Geheimnis wie man in einem fahrenden Wohnmobil auf kurvigen Landstraßen gespickt mit vielen Ortsdurchfahrten erholsamen Schlaf findet, konnte nur Uta erfolgreich knacken. Das wichtigste technische Equipment, das wir neben meinem Fahrrad dabeihatten, war definitiv das Hightech-Headset, mit dem ich trotz Fahrtwind ohne Störgeräusche in dauerndem Kontakt mit meiner Crew stand. Und die Crew gab alles, um mich mit motivierenden und zum Teil auch sehr humorvollen Gesprächen bei Laune zu halten. Uta – als Quell unerschöpflichen Wissens – konnte zu wirklich jedem noch so obskuren Thema die Diskussionen mit detailreichem Fachwissen anheizen und war mit ihren magischen Händen und umfangreichem physiotherapeutischen Know-How ein Garant für schnelle Regeneration und deutlich reduzierte Beschwerden. Andis regelmäßige Fotos und Facebookpostings führten zu vielfältigen Kommentaren und Unterstützung aus meinem Familien-, Bekannten-, Freundes- und Kollegenkreises, die vorgelesen durch meine Crew immer wieder die Füllung für die notwendigen Motivationsspritzen lieferten. Und Matthias – einer meiner engsten Freunde – behielt in jeder Situation den Überblick, war mit helfender Hand immer genau da, wo gerade Not am Mann war und ließ es sich nicht nehmen am Nachmittag des zweiten Tages auch ein paar Kilometer an meiner Seite aufs Rad zu steigen (einen Bericht aus Sicht des Teams gibt es unten in den Kommentaren zum Beitrag).

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Wartungsarbeiten am Radler

Eine besondere Überraschung wartete am zweiten Tag in Person meines Mitarbeiters an der Strecke, der meine Position im Livetracking verfolgt hatte und sich als passionierter Radler für einige Kilometer unserem Team anschloss und mich auf dem Rad in der Nähe von Schweinfurt begleitete.

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Ein Bosch Kollege

 Mein Dank…

gilt zu aller erst meinen unschlagbaren Teammitgliedern, die jeder einzelne ihre Zeit, ihren Schlaf und jede Menge Energie in die Verwirklichung meines Traums investiert haben – und natürlich meiner Frau, die es mit einem leicht verrückten aushält. Ohne das Team wäre ich sicher nicht in Garmisch angekommen. Sie haben sich nicht zuletzt im Ziel, nachdem die Anspannung des Rennens abgefallen war, und ich mich für kurze Zeit dank Kreislauf- und Knieproblemen de Facto nicht mehr selbständig fortbewegen konnte, rührend um mich gekümmert. Dass das gemeinsame Erreichen des Ziels nicht selbstverständlich ist zeigt auch die Tatsache, dass knapp die Hälfte der Teilnehmer das Rennen – sicher auch wegen den schlechten Wetterbedingungen – vorzeitig beenden musste und nicht in Garmisch ankam.

Erwähnen möchte ich an dieser Stelle auch den top Support durch Bosch My Insurance, die sich von meinem Traum des Race Across Germany mitreißen ließen, und mich in vielfältiger Art und Weise unterstützt haben! We are Bosch 🙂

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Team Bosch My Insurance am Start